Die Veränderung betrifft insbesondere die im Jänner gestartete Umsetzung der europäischen HTA-Verordnung und das damit neu etablierte nationale Bewertungsboard, für welches das AIHTA als neue wichtige Aufgabe Health Technology Assessments für ausgewählte Medikamente im Spitalsbereich erstellt. Damit liefern wir die Evidenzgrundlage für einheitliche Anwendungsempfehlungen und Preisverhandlungen. Angesichts dieser Neuerungen sind mir zwei Dinge besonders wichtig: Erstens, dass die Qualität unserer Arbeit nicht dem Zeitdruck zum Opfer fällt, der durch enge Fristen entsteht und zweitens, dass wir unser breites Themenportfolio, das neben der Hightech-Medizin auch Public-Health-Maßnahmen und Versorgungsforschung umfasst, beibehalten können. Neben Wissen zur Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln und Medizinprodukten tragen v.a. auch Entscheidungsgrundlagen ob und wie Public-Health-Interventionen die Gesundheit verbessern, zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung bei. Das breite methodische Know-How, das wir uns für all diese Forschungsfelder angeeignet haben, stellt im internationalen Vergleich eine echte Besonderheit dar.
Die Aktivitäten auf EU-Ebene haben HTA als Instrument zur Entscheidungsunterstützung in Österreich einen Auftrieb verschafft. Dennoch sind die Arbeiten des AIHTA z. T. noch wenig genutzt oder sogar unbekannt. Eines meiner Ziele für die kommenden Jahre ist es, dass alle Akteure des österreichischen Gesundheitssystems das AIHTA und HTA als Entscheidungsinstrument kennen und von unserer Arbeit in ihrem beruflichen Alltag einen Nutzen für die Gestaltung des Gesundheitssystems zum Wohle der Patient:innen ziehen können. Als Gesundheitsökonomin möchte ich auch den Einsatz gesundheitsökonomischer Methoden in Österreich vorantreiben. Vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen wird deren Potenzial hierzulande noch nicht ausreichend genutzt. Ein weiteres Ziel ist, Patient:innen, klinische Expert:innen und Vertreter:innen der diversen Gesundheitsberufe verstärkt in die Erstellung der Assessments einzubeziehen. Diese Zusammenarbeit erhöht aus meiner Sicht die Chance der Umsetzung unserer Ergebnisse in der Praxis.
All unsere Aufgaben lassen sich nur mit einem hoch motivierten, interdisziplinären Team bewältigen. Seit der Gründung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für HTA im Jahr 2006 ist unser Team deutlich gewachsen. Es ist auch internationaler geworden. Diese Veränderungen erfordern eine Weiterentwicklung der Organisation. Dabei geht es für mich nicht nur um neue Strukturen, sondern vor allem darum, wie wir als Team am AIHTA unsere einzelnen Stärken am besten einsetzen können, sodass wir der Komplexität der Themen, den hohen Anforderungen und der notwendigen Flexibilität in der Bearbeitung gerecht werden können. Das gelingt nur in einem Arbeitsklima der Wertschätzung und des Vertrauens unter Integration unseres gesamten Teamwissens in Entscheidungen für die Zukunft.
Klar ist aber: Ohne die beharrliche Pionierarbeit meiner Vorgängerin Priv.-Doz. Dr. Claudia Wild wäre das Institut nicht dort, wo es heute ist. Sie prägte maßgeblich die Entwicklung des österreichischen HTA-Instituts und machte HTA in Österreich zu einem unverzichtbaren Bestandteil im Gesundheitswesen. Sie war mir in der 20-jährigen Zusammenarbeit eine wesentliche Mentorin, die mich beständig gefördert und gefordert hat. Ich werde mit großem Engagement ihr Lebenswerk aufgreifen und weiterentwickeln.
Dr. rer. soc. oec. Ingrid Zechmeister-Koss - Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment
Struktur- und Prozessindikatoren werden lediglich als Eignungskriterien betrachtet (Konformität der CPMO mit den INAMI-Vorgaben), da sie sie trotz ihrer Relevanz in der Literatur nur wenige messbare Aspekte abdecken. Eine multidisziplinäre Behandlung soll zwar erfolgen, jedoch gibt es keine genauen Vorgaben zur Mindestanzahl oder Qualifikation multidisziplinärer Fachkräfte. Genauso wenig besteht ein Konsens über die Häufigkeit und Dauer der Beratungen zu Ernährung und Bewegung. Die Zusammenarbeit mit nationalen Expert:innen für die Behandlung von Übergewicht und Adipositas bei jungen Menschen ermöglichte hingegen die Auswahl von fünf „Must-have“-Ergebnisindikatoren. Diese basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und/oder nationalen sowie internationalen Leitlinien. Sie umfassen die Stabilisierung oder Reduktion des BMI-Z-Scores um mindestens 0,5 (1), die Normalisierung der Blutfettwerte (2) und der Blutdruckwerte (3) sowie eine verbesserte Lebensqualität (4) jeweils nach einem Jahr und außerdem die Erhöhung der Gehstrecke um 10 % im 6-Minuten-Gehtest (für Kinder ab 6 Jahren). Die Qualitätsindikatoren sind mit sieben zentralen Herausforderungen verbunden, dazu zählen z. B. Aspekte zur Verwaltung und Qualität von Daten, jene der methodischen Durchführung sowie der Kosten-Nutzen-Effizienz und Aspekte in Bezug auf die Verknüpfung von Behandlung und Ergebnis.
Zusammenfassend wird betont, dass die ersten Jahre als Testphase betrachtet werden sollten, um die Indikatoren auf ihre Messbarkeit und Interpretierbarkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu überarbeiten. Eine regelmäßige Überprüfung (z. B. alle drei Jahre) wird empfohlen. JP
KCE/BE 2023: Developing a set of quality indicators to monitor the quality of care delivered by paediatric multidisciplinary obesity centres (PMOC). Health Services Research (HSR). Brussels. Belgian Health Care Knowledge Centre (KCE). 2023. KCE Reports 372. https://kce.fgov.be/en/publications/all-reports/developing-a-set-of-quality-indicators-to-monitor-the-quality-of-care-delivered-by-paediatric.
Für die Bewertung des INESSS wurde neben einer systematischen Literaturrecherche eine Analyse der Budgetauswirkungen durchgeführt sowie Kliniker:innen konsultiert. Die Literaturanalyse ergab, dass die genetische Diagnose von IEI die Lebensqualität der Patient:innen durch gezielte Behandlung und Beratung verbessert. Zu den Herausforderungen zählen ein Mangel an genetischen Beratungsressourcen (insbesondere in abgelegenen Regionen) sowie ethische Fragen zum Schutz der Patient:innendaten und die Notwendigkeit, einen gleichen Zugang zu Tests zu gewährleisten. In Bezug auf die Kosten könnte die Rückführung der Analysen nach Québec Einsparungen bringen, und die Analyse virtueller Panels aus der Exomsequenzierung scheint die kostengünstigste Option zu sein. Dabei sollten jedoch die Kosten für Bioinformatik-Tools und zusätzliche Tests mitberücksichtigt werden. Die befragten Kliniker:innen betonten die Notwendigkeit, die Zusammensetzung der virtuellen Gen-Panels (digital durchgeführte Analysen bereits vorhandener Sequenzierungsdaten) regelmäßig zu aktualisieren und wünschen sich in Bezug auf atypische oder komplexe Phänotypen flexiblere Zugänge zu Exom-Daten. Darüber hinaus wurden Empfehlungen ausgesprochen, um für konsistentere Zusammensetzungen und Verschreibungsbedingungen der Gen-Panels zu sorgen. Die befragten Kliniker:innen gaben weiters an, dass für eine raschere Diagnosestellung von IEI eine Verschreibung durch weitere Fachärzt:innen ermöglicht werden sollte (Immunologen, Allergologen, Rheumatologen und pädiatrische Hämatologen).
Die Bewertung des INESSS unterstützt die Relevanz der Rückführung der derzeit extern durchgeführten Gen-Panels nach Québec. Es wurden jedoch Unsicherheiten im Zusammenhang mit den verfügbaren Ressourcen und der Organisation der Dienstleistungen aufgezeigt, die untersucht werden sollten, um eine optimale Umsetzung zu gewährleisten. RJ
INESSS/ CA 2024: Gene panel for the identification of inborn errors of immunity – Evaluation report on the repatriation of an analysis carried out outside of the province of Québec. https://www.inesss.qc.ca/en/publications/publications/publication/panel-des-erreurs-innees-de-limmunite-par-sequencage-de-nouvelle-generation.html.
Der Bericht untersucht verschiedene Methoden zur Vorausschätzung der Arzneimittelausgaben und empfiehlt dabei zwei sich ergänzende Ansätze: Historische Trendanalyse (Crude Predictions) und Horizon-Scanning. Erstere Methode basiert ausschließlich auf der Analyse historischer Daten zu Arzneimittelausgaben und verwendet statistische Modellierung zur Vorhersage zukünftiger Ausgaben. Die KCE-Studie hat verschiedene Prognosemodelle getestet und festgestellt, dass die Gesamtausgaben für öffentliche Apotheken mit einer durchschnittlichen prozentualen Fehlerquote von nur 0,75% für Ein-Jahres-Prognosen und 2,2% für Drei-Jahres-Prognosen vorhergesagt werden können. Für Krankenhausarzneimittel lagen die Fehlerquoten bei 2% (Ein-Jahres-Prognose) bzw. 4,8% (Drei-Jahres-Prognose). Die vorausschauende Methode des Horizon Scanning dagegen, identifiziert und bewertet systematisch neue Arzneimittel in der Entwicklungspipeline, die in den nächsten 2-3 Jahren auf den Markt kommen könnten. Am Beispiel von Brustkrebsmedikamenten zeigt der Bericht, wie Horizon Scanning genutzt werden kann, um künftige Ausgabentrends frühzeitig zu erkennen. Die Analyse prognostiziert einen dramatischen Anstieg der Ausgaben für neue Brustkrebsmedikamente von 5,3 Millionen Euro im Jahr 2021 auf möglicherweise über 330 Millionen Euro im Jahr 2025.
Eine wesentliche Herausforderung bei der Arzneimittelausgabenprognose in Belgien ist allerdings die erhebliche Verzögerung (etwa zwei Jahre) bei der Verfügbarkeit vollständiger Erstattungsdaten. Der Bericht empfiehlt, diese Datenverzögerung zu reduzieren und ein nationales Horizon-Scanning-System mit 2-5 Vollzeitexpert:innen einzurichten. Die Kombination beider Methoden – historische Trendanalyse und Horizon Scanning – ermöglicht eine umfassendere Sicht auf künftige Ausgabentrends und kann politischen Entscheidungsträgern helfen, disruptive Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln. LG
KCE/ BE 2024: Budget impact projections for pharmaceuticals. Health Technology Assessment (HTA). KCE Reports 381C. https://kce.fgov.be/en/publications/all-reports/budget-impact-projections-for-pharmaceuticals.
Die vom NIHR Health and Social Care Delivery Research Programme durchgeführte Studie hatte zum Ziel, die Effektivität des Zentrums zu überprüfen und informierte über eine mögliche Ausweitung auf weitere britische Spitäler. Die Untersuchungsmethoden umfassten einerseits ethnografische Beobachtungen und Interviews mit Spitalsmitarbeiter:innen und andererseits die Auswertung von quantitativen Daten — einschließlich Patient*innenfluss bzw. -sicherheit und Datenqualität. Die anschließend durchgeführte „Interrupted Time Series Analysis“ (Jänner 2018 bis August 2021) zeigte eine Verbesserung des Vertrauens des Personals in die Abläufe des Krankenhausbetriebs nach der Implementierung des Zentrums. Zusätzlich wurden Verringerungen der Sterblichkeit und eine Reduktion der Wiederaufnahmen in der Klinik beschrieben, die aber nicht eindeutig dem Koordinationszentrum zuzuordnen waren. Allerdings kam es auch zu unbeabsichtigten Folgen — etwa Spannungsfeldern zwischen zentraler und lokaler Entscheidungsfindung und bezüglich Datenqualität. Außerdem waren aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie innovative Lösungsansätze in allen Spitälern gefragt, was die Vergleichbarkeit mit dem Vergleichsspital (Huddersfield Royal Infirmary) und die Erhebung der Effektivität des Koordinationszentrums erschwerte.
Für die Einführung eines KI-gestützten Krankenhaus-Koordinationszentrums werden demnach verlässliche spitalsweite Informationssysteme und eine gute Datenqualität sowie der Austausch mit anderen Kliniken, die bereits mit Koordinationszentrum arbeiten, empfohlen. NL
NIHR Health and Social Care Delivery Research Programme/ UK 2024: Implementing an artificial intelligence command centre in the NHS: a mixed-methods study. https://database.inahta.org/article/32482.
26. bis 28. März 2025
EbM-Kongress 2025
„Die EbM der Zukunft – packen wir’s an“
Freiburg
Framework für MEA
Bevölkerungsgesundheitseffekte NICE
Quantifizierung von Low-Value Care in Deutschland
Framework für Kosteneffektivitätsanalysen
Impressum
Redaktion: Ingrid Zechmeister-Koss/ IZ, Ozren Sehic/OS
JP: Jule Pleyer
LG: Lena Grabenhofer
NL: Naomi Linton-Romir
RJ: Reinhard Jeindl