In Österreich liegt der Preis (für Krankenkassen) derzeit bei 605 Euro pro Stück. Für eine erfolgversprechende Behandlung muss ein/e PatientIn mindestens 12 Wochen lang jeden Tag eine Tablette (in Kombination mit anderen Medikamenten) nehmen – insgesamt also 84. Manchmal dauert die Therapie auch länger. Unter dem Strich macht das mindestens 50.000 Euro pro PatientIn. Dazu kommen noch die Kosten für die Kombinationspräparate in der Höhe von rund 30.000 Euro für 12 Wochen. Die Zahl der Hepatitis-C-Infizierten schätzt man in Österreich auf 30.000 bis 80.000. Im günstigsten Fall würde also die Behandlung aller PatientInnen 2,4 Milliarden Euro betragen. Das wären mehr als 80 Prozent der gesamten jährlichen Ausgaben der österreichischen Sozialversicherung für Arzneimittel von rund 3 Milliarden Euro. Wie gesagt, im günstigsten Fall.
Das Problem betrifft nicht nur Österreich. Ende September kamen alle EU-Länder in Mailand zu einem informellen Meeting zusammen, um Politikoptionen im Umgang mit Sovaldi zu besprechen. Herausgekommen ist nicht viel. Die Teilnehmer rund um EU Gesundheitskommissar Tonio Borg waren sich zwar einig, dass es gemeinsame Strategien brauche, um Preis-Eskalationen zu verhindern und innovative Medikamente für die PatientInnen in allen Mitgliedstaaten – bei gleichzeitig beschränkten Budgets für Gesundheitsleistungen – verfügbar zu machen. Für die Umsetzung fehlte ihnen aber noch ein konkreter Plan.
Besondere Brisanz erhält das Thema vor dem Hintergrund, dass der nominierte Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, angekündigt hat, den Bereich Arzneimittelzulassung und das Medizinprodukterecht aus der Verantwortung des Gesundheitskommissars in den Zuständigkeitsbereich des Kommissars für Binnenmarkt, Industrie und Unternehmertum zu stellen. Gegen diesen Plan hat sich bereits ein Proteststurm erhoben und es gibt erste Signale, dass Juncker seine Entscheidung zurücknehmen könnte. Doch auch im Rahmen der streng geheimen Verhandlungen über die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) zwischen den USA und der EU, ist die Lockerung von Preisverhandlungs- und Erstattungsregeln dem Vernehmen nach auf der Agenda. Sollten sich hier die Liberalisierungsfanatiker durchsetzen, wäre das aus Sicht der solidarischen Versorgungsfinanzierung ein veritabler Alptraum.
Die grundsätzliche Fragen, die der Fall Sovaldi aufwirft, lauten: Was darf ein Medikament kosten und wie kommt der Preis zustande? Laut SPIEGELonline hat der Hersteller, der internationale Pharmakonzern Gilead, alleine im ersten Halbjahr 2014 mit dem neuen Präparat 5,8 Milliarden Dollar eingenommen. Bisher hatte die Pharmazeutische Industrie gerne vorgerechnet, dass die Entwicklung eines neuen Medikaments zwischen 1 bis 1,5 Milliarden Euro betrage. Es gibt allerdings auch Berechnungen, die weit darunter liegen. Wie viel die Entwicklung von Sovaldi gekostet hat, ist nicht bekannt. Kolportiert wird, dass Gilead im Jahr 2011 eine kleine Biotech-Firma, die daran forschte, um 11 Milliarden Dollar gekauft haben soll. Den Börsenkursen von Gilead hat das Investment jedenfalls außerordentlich gut getan. Die Kurse sind in den vergangenen 12 Monaten um 60 Prozent gestiegen.
Für die PatientInnen und die Betroffenen in den Selbsthilfegruppen stellt sich vor allem die Frage, wer nun in den Genuss des neuen Medikamentes kommt und wem auf der anderen Seite das Heilsversprechen verwehrt wird. Österreich zählt zu einer Hand voll Ländern, die es sich (noch) leisten können, Sovaldi auf Kassenkosten abzugeben. Allerdings mit Einschränkungen bei der Verschreibung (derzeit noch in der Roten Box, ab November mit neuen Regeln im Erstattungskodex). Es wird sich zeigen, ob es diejenigen bekommen werden, die es am dringendsten brauchen und bei denen die Wirkung auch am vielversprechendsten ist. Oder ob es die bekommen, die es sich am besten erkämpfen können. Denn ob die neue „Wunderpille“ tatsächlich bei allen Hepatitis-C-PatientInnen gut wirkt, ist noch nicht nachgewiesen. Fest steht allerdings, dass diese gewaltigen Ausgaben in kurzer Zeit die Medikamentenbudgets in schwere Bedrängnis bringen und die Solidarität unter den PatientInnen, Versicherten und Beitragszahlern auf eine schwere Probe stellen. Es zeigt sich aber auch, dass die Preisgestaltung von Gesundheitsleistungen eine ethische Komponente hat, auf die der freie Markt keine Antwort weiß.
Mag. Andrea Fried ist ehemalige Journalistin und seit 2014 Bundesgeschäftsführerin der ARGE Selbsthilfe Österreich
Spiegel (6. Aug. 2014): 700-Euro-Pille von Sovaldi: "Unmoralische Gewinnzahlen" www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sovaldi-warum-eine-pille-700-euro-kosten-darf-a-984738.html
Finanzen.at: www.finanzen.at/aktien/Gilead_Sciences-Aktie
Die österreichische Sozialversicherung in Zahlen (2014): http://www.sozialversicherung.at/
Oft folgt die Präsentation wissenschaftlicher Forschungsergebnisse allerdings eher theoretisch- akademischen Interessen als den tatsächlichen Informationsbedarf unter Alltagsbedingungen zu berücksichtigen. Unter dem Begriff Risikokommunikation subsummiert, geht ein von der US-amerikanische „Food and Drug Administration“ (FDA) publizierter Benutzerleitfaden daher der Frage nach, wie evidenzbasierte Informationen kommuniziert werden können, um best mögliche Entscheidungen zu erleichtern.
In insgesamt 22 Kapiteln werden relevante Fragen und Ziele, die mit Risikokommunikation vergesellschaftet sind, abgehandelt. Nach einer Einleitung zu Zielen, Evaluation und der zu verwendenden Sprache, befassen sich die AutorInnen zunächst mit den zugrundeliegenden Prozessen. Definitionen von adäquater Kommunikation werden ebenso wie die Darstellung quantitativer als auch qualitativer Daten besprochen. Fragen zum Design von Kommunikationsstrategien berücksichtigen etwa inwiefern Warnhinweise gestaltet werden sollen, um effektiv zu sein, oder wie partizipative Entscheidungsfindungsprozesse ausgestaltet sein sollten. Die letzten Kapitel zur Implementierung von evidenz-basierter Kommunikation berücksichtigen nicht nur den (institutionellen) Blickwinkel der FDA, sondern beinhalten auch Empfehlungen für effektive Risikokommunikation direkt von Anwendern diverser Strategien.
Aufgrund der übersichtlichen Gliederung stellt dieser Leitfaden damit eine interessante Lektüre für Organisationen dar, die ihre eigenen Kommunikationsstrategien planen oder verbessern wollen. AN
FDA/ US 2011: Communicating risks and benefits: An evidence-based user's guide. http://www.fda.gov/downloads/AboutFDA/ReportsManualsForms/Reports/UCM268069.pdfEin geringes Einkommen beeinflusst die Gesundheit von Schwangeren, Erstgebärenden und deren un- bzw. neugeborenen Kinder in einem ungünstigen Ausmaß. Dies äußert sich zumeist in der geringen Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen und Nachbetreuungsangeboten. Das AHRQ präsentiert drei Programme, die die Versorgung bzw. Betreuung von diesen benachteiligten Zielgruppen verbessern sollen. Dabei handelt es sich u.a. um aufsuchende Hilfen („Nurse Home Visits“), die die Kindesentwicklung von Beginn an begleiten und eine Entlastung und Unterstützung für Eltern bereits während der Schwangerschaft darstellen sollen. Zudem sollen aber auch LeistungserbringerInnen und Policy-Maker von Verfahren zur epidemiologischen Datengewinnung profitieren. Generell kommen unterschiedliche „Quality Tools“ zum Einsatz. Der „Young Child Risk Calculator“ gibt etwa Auskunft über Prävalenzen von Risikofaktoren für Kinder je nach US-Bundesstaat und soll Basisinformationen für die Politikgestaltung liefern. Das „Toolkit for the Follow-Up Care of the Premature Infant“ dient der besseren Versorgung von frühgeborenen Kindern, indem es die Kommunikation zwischen der Neonatologie im Krankenhaus und der extramuralen Betreuung unterstützt. „Identifying Children and Families at Risk“ soll bundesstaatlichen Einrichtungen helfen, risikogefährdete Familien mittels standardisierter Erhebungsverfahren (z.B. Fragebögen zur psychischen Gesundheit der Eltern, pädiatrische Checklisten etc.) frühzeitig zu identifizieren und zu erreichen. RW
AHRQ/ US 2014: Early intervention and support for at-risk families. https://innovations.ahrq.gov/issues/2014/03/26/early-intervention-and-support-risk-familiesIn einer Übersichtsarbeit des „National Institute for Public Health and the Environment“ (RIVM, Niederlande) werden 71 Initiativen gegen kindliches Adipositas in Europa beschrieben und deren Charakteristika, angewandten Strategien sowie Effektivität hinsichtlich festgelegter Gewichtsindikatoren präsentiert. Die Ergebnisse zeigen, dass 66% der Initiativen in mehr als einem Setting stattfinden und berufliche Weiterbildung (78%), auf Eltern bezogene Maßnahmen (70%) und Veränderung der sozialen (62%) und physischen (52%) Umgebung im Rahmen umgebungsbezogener Maßnahmen am häufigsten Anwendung finden. 92% der an Kinder gerichteten Gesundheitsbildungsinitiativen werden in Gruppen abgehalten, 90% erfolgen in Form allgemeiner Gesundheitsinformationen und 58% im Rahmen professioneller Beratung. Effektivität zeigen insgesamt (nur) 8 der 71 Initiativen bei 6- bis 12-Jährigen durch verringerte Adipositas-Prävalenz und/oder einen reduzierten BMI, wobei 6 Initiativen sich sowohl auf Ernährungs- als auch körperliche Bewegungsaspekte und 2 sich ausschließlich auf körperliche Bewegung konzentrierten.
Eine britische Pilotstudie befasste sich speziell mit Veränderungen des Essverhaltens von Kindern und deren Eltern mithilfe von „Mandolean“, einer neuen Gewichtsmanagement-Methode. Primäres Ziel bei „Mondolean“ ist die Reduzierung der Ess-Geschwindigkeit durch Sensibilisierung der betroffenen Kinder für Hunger- und Sättigungsgefühle, zusätzlich zu einer Diät und Bewegungsberatung im Grundschulalter. Im Zentrum der Pilotphase stand die Überprüfung von Rekrutierungsstrategien, und Behandlungsadhärenz, sowie von klinischer Behandlung und Erfahrungen 5- bis 11-Jähriger und deren Familien. Nach Abschluss der Pilotstudie und Beginn der Hauptstudie musste diese jedoch frühzeitig beendet werden, da eine ausreichende Rekrutierung von teilnehmenden Familien nicht möglich war. Lediglich 20% der TeilnehmerInnen in der Interventionsgruppe verwendeten Mandolean regelmäßig genug, um langfristige Veränderungen im Essverhalten erzielen zu können. Eine Bindung der Zielpopulation an die Intervention schien nicht möglich zu sein, zudem Familien diese als zu zeitintensiv und komplex rückmeldeten. AF
Bemelmans et al. (2014): Overview of 71 European community-based initiatives against childhood obesity starting between 2005 and 2011: general characteristics and reported effects. The Netherlands: BMC Public Health. http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1471-2458-14-758.pdf
Hamilton-Shield et al. (2014): Changing eating behaviours to treat childhood obesity in the community using Mandolean: the Community Mandolean randomised controlled trial (ComMando) - a pilot study. Southampton: HTA. http://www.journalslibrary.nihr.ac.uk/__data/assets/pdf_file/0017/122741/FullReport-hta18470.pdf
Für den vorliegenden Methodenbericht wurde rückblickend eine Stichprobe von 60 KCE Berichten auf die Rolle von MQF untersucht. Weiters wurden Fokusgruppeninterviews mit erfahrenen ForscherInnen am KCE, mit NachwuchsforscherInnen und mit Führungskräften geführt. Dabei ging es um Einstellungen und Annahmen zu qualitativer Forschung, um bisherige Erfahrungen mit ihr und um Wünsche an MQF für die zukünftige Arbeit. Schließlich wurde die Literatur zum Einsatz von MQF in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Gesundheitsversorgung zusammengefasst. Der Bericht soll es HTA-ForscherInnen ermöglichen, sich mit qualitativen Methoden vertraut zu machen. Sie sollen den Einsatz von MQF, allein oder komplementär zu quantitativen Methoden, als glaubwürdig und bisweilen unersetzlich erkennen.
Für den praktischen Einsatz enthält der Bericht Leitlinien zu jenen vier MQF, die in der bisherigen Arbeit des KCE am relevantesten waren: teil-strukturierte Interviews mit Einzelpersonen, Fokusgruppeninterviews, direkte Beobachtung und Delphi. NP
KCE/ Belgien 2012: The use of Qualitative Research Methods in KCE studies. https://kce.fgov.be/publication/report/the-use-of-qualitative-research-methods-in-kce-studies
LBI-HTA Veranstaltung
PriMHE - Programme in the Methods of Health Economics
“What is a life year worth? Defining the boundaries of public willingness to pay for better health.”
3. Dezember 2014
Medical University of Vienna/ Jugendstilhoersaal
http://healtheconomics.meduniwien.ac.at/primhe/
30. Oktober 2014
”Vorzeigemodell Österreichischer Mutter-Kind-Pass – der Schritt in die Zukunft"
Wien/ Österreich
http://bmg.gv.at/home/Veranstaltungen/Vorzeigemodell_Oesterreichischer_Mutter_Kind_Pass_der_Schritt_in_die_Zukunft
30. - 31. Oktober 2014
”HTA 2.0 Europe – Teaming Up for Value”
Rom/ Italien
http://www.eunethta2014.it/
06. - 07. November 2014
8. Jahrestagung der Politischen Kinder-medizin
Salzburg/ Österreich
http://www.polkm.org/
19. - 22. November 2014
7th European Public Health Conference
“Mind the gap: Reducing inequalities in health and health care”
Glasgow/ Schottland
http://ephconference.eu/
04. - 06. Dezember 2014
8th International Conference
”Enriching Health Data for Research and Practice”
Wien/ Österreich
http://ebmc2.univie.ac.at/usab2014/
09. - 10. Dezember 2014
2nd LBG Meeting for Health Sciences
Wien/ Österreich
http://healthsciences.lbg.ac.at/
16. - 18. Dezember 2014
”Health Technology Assessments"
Dept. für EbM und Klin. Epidemio-logie, Donau-Universität Krems
Krems/ Österreich
http://www.donau-uni.ac.at/de/studium/health-technology-assessments/index.php
13. - 15. März 2015
16. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e.V.
”EbM zwischen Best Practice und infaltionärem Gebrauch”
Berlin/ Deutschland
http://www.ebm-kongress.de/