Referenzen:
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Hendrickx A, Kanga-Tona T. Ein transparentes Modell für einen fairen Preis für innovative Arzneimittel in Europa. In: Schröder H, Thürmann P, Telschow C, Schröder M, Busse R, editors. Arzneimittel-Kompass 2021: Hochpreisige Arzneimittel – Herausforderung und Perspektiven. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; 2021. p. 155–73. https://www.springerpflege.de/ein-transparentes-modell-fuer-einen-fairen-preis-fuer-innovative/23496114.
Investigate Europe. Tödliche Preise: Wie die Pharmaindustrie Ungleichheit in Europa fördert. https://www.investigate-europe.eu/de/themes/investigations/deadly-prices-europe-big-pharma-medicines.
Public Eye. Gefährdet die Gesundheit: Pharma erzielt Profitmargen von 40 bis 90 % auf Krebsmedikamenten. Public Eye Report September 2022. https://www.publiceye.ch/fileadmin/doc/Medikamente/2022_PublicEye_GefaehrdetDieGesundheit_Report.pdf.
Marx M. Die zehn größten Pharmakonzerne der Welt im Ranking 2025. WirtschaftsWoche. 2025. https://www.wiwo.de/unternehmen/industrie/merck-pfizer-und-co-die-zehn-groessten-pharmakonzerne-der-welt-im-ranking-2025/30014284.html.
Becker Z, Dunleavy K, Sagonowsky E, Liu A, Kantsteiner F. UPDATED: Most expensive drugs in the US in 2025. Fierce Pharma. 2025. https://www.fiercepharma.com/special-reports/most-expensive-drugs-us-2025.
Lifileucel ist eine sogenannte „tumorinfiltrierende Lymphozyten (TIL)-Zelltherapie“ zur Behandlung von vorbehandelten, inoperablen oder metastasierten Melanomen. Es handelt sich dabei um eine einmalige Infusion, die mit allen erforderlichen Vor- und Nachbehandlungen einen komplexen, mehrwöchigen Prozess darstellt. Dabei werden T-Zellen aus dem Tumorgewebe entnommen und im Labor vermehrt. Anschließend werden diese Zellen über eine Infusion wieder den Patient:innen verabreicht, was zu einer Antitumorreaktion führt.
Die Wirksamkeit und Sicherheit von Lifileucel wurden in einer einarmigen Phase-2-Multikohortenstudie untersucht, die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 27,6 Monate. 31 Prozent der Patient:innen sprachen auf die Behandlung an, davon 5 Prozent komplett und 26 Prozent teilweise. Bei 46 Prozent blieb die Krankheit stabil. Die mediane Gesamtüberlebenszeit betrug 13,9 Monate und das mediane progressionsfreie Überleben 4,1 Monate. Bei allen Patient:innen trat mindestens ein behandlungsbedingtes unerwünschtes Ereignis auf, wobei am häufigsten Thrombozytopenie (76,9%), Anämie (50%) und febrile Neutropenie (41,7%) beobachtet wurden. Sechs Patient:innen starben innerhalb von 30 Tagen nach der Infusion. Die Todesfälle standen nicht in ursächlichem Zusammenhang mit Lifileucel, sondern mit der begleitenden bzw. gesamten Therapie.
Die Behandlung ist mit hohen Kosten und strukturellen Herausforderungen verbunden. Das liegt vor allem daran, dass die spezialisierten Zentren entsprechend ausgestattet sein müssen und die Behandlung interdisziplinär geplant und auch mit anderen onkologischen Therapien – wie CAR-T- und Stammzelltransplantationen – koordiniert werden muss. Schätzungsweise 17 Personen würden in Österreich pro Jahr für eine Therapie mit Lifileucel in Frage kommen. Unter Berücksichtigung des derzeitigen US-Preises pro Infusion von umgerechnet rund 500.000 Euro würden sich die Gesamtkosten – inklusive Vorbehandlung, begleitender Therapien und Krankenhausaufenthalten – auf etwa 9 Millionen Euro pro Jahr belaufen.
Lifileucel erhielt im Februar 2024 von der US-amerikanischen Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (Food and Drug Administration, FDA) eine beschleunigte Zulassung. Seit der Einreichung des Zulassungsantrags für den EU-Markt im August 2024 wurde das Arzneimittel von der EMA (European Medicines Agency) einem eingehenden Evaluierungsprozess unterzogen. Im August 2025 gab die EMA bekannt, dass der Antrag auf Zulassung vom vertriebsberechtigten Unternehmen (Iovance Biotherapeutics) zurückgezogen wurde. Das laufende Verfahren im Bewertungsboard wurde aus diesem Grund ohne Empfehlung beendet. Sollte Lifileucel am EU-Markt verfügbar sein, ist eine neuerliche Aufnahme des Verfahrens möglich.
AIHTA Appraisal Board Author Group. Lifileucel (AMTAGVI®) zur Behandlung von Patient:innen mit vorbehandeltem inoperablem oder metastasiertem Melanom. Wien: AIHTA; 2025. Decision Support Document for the Austrian Appraisal Board 004. https://eprints.aihta.at/1570/1/Appraisal_Board_Document_004.pdf.
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK). Bewertungsboard für ausgewählte Arzneimittel in Österreich 2025 https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Gesundheitssystem/Bewertungsboard.html.
In einer systematischen Literaturrecherche wurden sechs Studien und eine Übersichtsarbeit identifiziert, die mobile Anwendungen, Webplattformen und textbasierte Interventionen untersuchen. Für die primären klinischen Ergebnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit konnten keine verallgemeinerbaren Aussagen gemacht werden, da nur eine Studie von begrenzter Qualität einbezogen werden konnte. Die nicht-klinischen sekundären Ergebnisse zeigten eine gute Akzeptanz und Usability, allerdings mit sehr heterogenen Studiendaten und einigen Limitationen. Zur Bewertung von organisatorischen und rechtlichen Aspekten der digitalen Gesundheitsanwendungen konnte keine relevante Literatur gefunden werden.
Fazit: Digitale Instrumente zur Selbstidentifikation des Risikos perinataler psychischer Erkrankungen haben das Potenzial, Barrieren zu überwinden, die psychische Gesundheit und die Zugänglichkeit zu verbessern. Es sind jedoch weitere hochwertige Forschungsarbeiten zum Nachweis der Wirksamkeit und Sicherheit sowie zur Analyse von rechtlichen und organisatorischen Fragen erforderlich.
Hafner S, Hidaka Y. Digitale Gesundheitstechnologien zur Selbstidentifizierung des Risikos perinataler psychischer Erkrankungen. Wien: AIHTA; 2025. HTA-Projektbericht 167. https://eprints.aihta.at/1571.
Die systematische Übersichtsarbeit analysierte alle 23 DiGA-Zulassungsstudien, die bis März 2024 verfügbar waren. Die zwischen 2012 und 2022 durchgeführten Studien umfassten 56 bis 1245 Teilnehmer:innen und überblickten eine Interventionsdauer von 1,5 bis 12 Monaten. Die Abbruchquoten lagen im Durchschnitt bei 21,7 Prozent in der Interventions- und bei 11,8 Prozent in der Kontrollgruppe.
Die meisten Studien (13/23) konzentrierten sich auf primäre Endpunkte im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, eine befasste sich mit den patient:innenrelevanten Verbesserungen von Strukturen und Prozessen. Alle berichteten über signifikante mittlere bis große Effekte, aber das Risiko für Verzerrungen war hoch, insbesondere bei der Ergebnismessung (21/23) und aufgrund fehlender Daten (15/23).
Fazit: Die Ergebnisse des systematischen Reviews geben laut Ansicht der Autor:innen Anlass zu Bedenken hinsichtlich der Robustheit der Evidenz, die derzeit die Wirksamkeit von DiGAs stützt. Sie empfehlen eine Überarbeitung des DiGA-Zulassungsverfahrens, um die Studienqualität zu verbessern.
Sippli K, Deckert S, Schmitt J, Scheibe M. Healthcare effects and evidence robustness of reimbursable digital health applications in Germany: a systematic review. npj Digital Medicine. 2025;8(1):495. https://www.nature.com/articles/s41746-025-01879-6.
Die meisten „individuellen Gesundheitsleistungen“ finden sich in der Augenheilkunde mit einem jährlichen Umsatz von 544 Millionen Euro und der Gynäkologie mit 543 Millionen Euro, gefolgt von der Orthopädie mit rund 400 Millionen Euro.
Aktuell hat der IGeL-Monitor die Evidenz von Injektionen mit Hyaluronsäure geprüft. Zur Behandlung von Kniearthrose wurden 25 methodisch überzeugende Studien mit 9.423 Patientinnen und Patienten ausgewertet. Es zeigte sich ein geringer Nutzen, der vom Wissenschaftsteam als „klinisch nicht von Bedeutung“ eingestuft wurde. Demgegenüber wurde ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen wie Entzündungen, Herzbeschwerden, Schwellungen oder Schmerzen im Gelenk festgestellt. Zur Therapie bei Hüftarthrose wurden fünf Studien mit 591 Teilnehmenden ausgewertet. Es zeigte sich darin kein Unterschied gegenüber einer Scheinbehandlung.
Der Medizinische Dienst Bund, der den IGeL-Monitor betreibt, fordert eine Verpflichtung der Behandler:innen ihren Patient:innen unabhängige wissenschaftsbasierte Informationen zu diesen Therapien anzubieten. Die Leistungen sollten zudem nicht am selben Tag erbracht werden dürfen, sondern erst nach einer entsprechenden Bedenkzeit für die Patient:innen.
Das Wissenschaftsteam des IGeL-Monitors analysiert Nutzen und Schaden einzelner Leistungen nach einem definierten Prozess und bewertet diese in fünf Kategorien: positiv, tendenziell positiv, unklar, tendenziell negativ und negativ. Alle Bewertungen werden in einem ausführlichen Evidenzbericht für Fachleute sowie in kompakten, leicht verständlichen Versionen für Patient:innen auf der Website veröffentlicht.
IGeL-Monitor. Hyaluronsäure-Injektionen bei Kniegelenksarthrose. Essen: Medizinischer Dienst Bund; 2025. https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/hyaluronsaeure-injektionen-bei-kniegelenksarthrose.html.
IGeL-Monitor. Hyaluronsäure-Injektionen bei Hüftgelenksarthrose. Essen: Medizinischer Dienst Bund; 2025. https://www.igel-monitor.de/fileadmin/user_upload/Evidenzbericht_ausfuehrlich_Hyaluronsaeure_Hueftgelenksarthrose_1.1..pdf.
CORE-MD hat nun neue Konsensempfehlungen im The Lancet Regional Health Europe publiziert, die sich als direkte Antwort auf eine Anfrage der Europäischen Kommission verstehen, fachkundige Beratung zur Studiengestaltung bereitzustellen. Damit wird eine langjährige Lücke in der Leitliniengebung zur Bewertung von Hochrisikotechnologien wie kardiovaskulären Implantaten, orthopädischen Geräten und Systemen zur Diabetesbehandlung geschlossen.
Das CORE-MD-Projekt lief von 2021 bis 2024 und wurde von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) sowie der Föderation der nationalen orthopädischen Fachgesellschaften (EFORT) geleitet. Rund 100 Expert:innen aus medizinischen Verbänden, HTA-Agenturen, EU-Regulierungsbehörden, nationalen Gesundheitsinstituten, Benannten Stellen, akademischen Einrichtungen, Patient:innengruppen und Herstellerverbänden waren daran beteiligt. Das Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) leitete das Arbeitspaket „Networking and Community Building“.
Die Empfehlungen des CORE-MD-Konsortiums wurden den Regulierungsbehörden der Europäischen Union zur Prüfung für zukünftige Leitlinien zur klinischen Bewertung von Medizinprodukten vorgelegt.
Fraser AG, Buccheri S, Byrne RA, Kjaersgaard-Andersen P, James S, Jüni P, et al. Recommended methodologies for clinical investigations of high-risk medical devices-Conclusions from the European Union CORE-MD Project. The Lancet Regional Health – Europe. https://www.thelancet.com/journals/LANEPE/article/PIIS2666-7762(25)00252-2/fulltext.
28. November
IQWIG-Herbst-Symposium 2025
„Evidenz in Not – wie Wissenschaft Politik erreicht“
Köln
https://www.iqwig.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailseite_159624.html
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