Um auf dieses wachsende Problem zu reagieren, wurde 2023 bis 2025 das Horizon-Europe-Projekt „HI-PRIX“ (Health Innovation Next Generation Payment & Pricing Models) durchgeführt. Es hatte zum Inhalt, neue Vergütungsmethoden und damit Lösungsansätze für die Kostenproblematik zu entwickeln. An dem Projekt war ein Konsortium aus 18 renommierten akademischen Einrichtungen, öffentlichen Behörden, HTA-Instituten, Universitätskliniken und Forschungsinstituten aus zehn europäischen Ländern beteiligt.
Im Rahmen des Projekts entstand eine Art Werkzeugkasten, der vielfältige Ansätze umfasst: Einerseits wurden Instrumente entwickelt, um öffentliche Institutionen besser auf den Umgang mit hohen Kosten vorzubereiten. Dazu zählen unter anderem Datenbanken (Pay-for-Innovation Observatory), in denen erprobte und theoretische Zahlungs- und Preismodelle systematisch erfasst sind. Weiters wurde ein Werkzeug entwickelt, das die Berücksichtigung zukünftiger, nicht unmittelbar mit der jeweiligen Intervention zusammenhängender medizinischer und nicht-medizinischer Kosten in ökonomischen Bewertungen erleichtert.
Andererseits wurden die hohen Listenpreise hinterfragt und die öffentlichen Beiträge zu den Forschungs- und Entwicklungskosten analysiert, um gängige Narrative zu untersuchen, wer tatsächlich die sogenannte Innovation vorantreibt. Diese Aufgabe wurde vom AIHTA und der EASP (Escuela Andaluza de Salud Pública) übernommen. Dabei wurden ein Framework sowie eine Methodik entwickelt, um öffentliche Beiträge systematisch zu analysieren und zu kategorisieren (siehe HTA-Projektbericht 179).
In den drei Projektjahren wurden zahlreiche Möglichkeiten identifiziert, um sowohl den Zugang zu potenziell lebensrettenden Therapien zu ermöglichen als auch die Umsetzung innerhalb der vorgegebenen Budgets sicherzustellen. Nun liegt es an den Entscheidungsträger:innen, auf den entwickelten Werkzeugkasten zurückzugreifen, um die Gesundheitssysteme nachhaltig auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten.
Daniel Fabian, MSc, Researcher AIHTA
PD Dr. Claudia Wild, HTA-Expert
Mehr Infos zum HI-PRIX Projekt: https://hiprixhorizon.eu/
Referenzen:
Wild C, Sehic O, Schmidt L, Fabian D. Public contributions to R&D of medical innovations: A framework for analysis. Health Policy. 2025 Feb;152:105235. doi: 10.1016/j.healthpol.2024.105235. Epub 2024 Dec 12. PMID: 39675231.
Die Entwicklung eines pharmazeutischen Produkts verläuft in Phasen, die durch unterschiedliche Risikoprofile, Ressourcenanforderungen und Beteiligung verschiedener Akteure gekennzeichnet sind. Das jüngst veröffentlichte Handbuch stellt ein Framework mit acht Kategorien vor, die von der Grundlagenforschung bis zur Generierung von Evidenz nach der Zulassung reichen. Die Identifikation der Kategorien entstand in einem iterativen Prozess, der eine gezielte Literaturrecherche mit Erkenntnissen aus siebzehn Stakeholder-Interviews kombinierte. Vertreter:innen aus politischen Interessengruppen, Branchenverbänden der Pharmaindustrie, öffentlichen Infrastrukturanbietern, gemeinnützigen Entwicklern, Regulierungsbehörden und akademischen Institutionen steuerten Perspektiven bei, die die facettenreiche Natur öffentlicher Unterstützungsmechanismen verdeutlichte.
Die Analyse zeigt, dass die öffentliche Hand eine zentrale Rolle bei der Entwicklung neuer Therapien spielt. Trotz erheblicher Investitionen, darunter direkte Finanzmittel, Infrastruktur für klinische Studien und regulatorische Unterstützung, werden die öffentlichen Beiträge in den aktuellen Preismechanismen derzeit nicht berücksichtigt. Dies führt dazu, dass die Steuerzahler:innen „zweimal zahlen“ – zunächst durch öffentliche Forschungsgelder, dann durch hohe Arzneimittelpreise. Eine standardisierte Berichterstattung wäre erforderlich, um die öffentlichen Beiträge sichtbar zu machen.
Fazit: Der geplante Artikel 57 der EU-Arzneimittelrichtlinie stellt einen wesentlichen Schritt in Richtung Transparenz dar. Zur wirksamen Umsetzung sind zudem standardisierte Berichtsformen, ein umfassendes Monitoring sowie die Einbeziehung öffentlicher Beiträge zu F&E in Preisverhandlungen erforderlich.
Mehr Infos zur EU-Arzneimittelrichtlinie: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52023PC0192
AIHTA: Fabian, D. and Wild, C. (2025): Guidance for Searching and Finding Public Contributions to Pharmaceutical R&D. HTA-Projektbericht 179. https://eprints.aihta.at/1595
Grundlage für belastbare Kosten- und Ressourcenschätzungen ist der Prozess der Kostenerfassung („Costing“). Er umfasst die Identifikation der benötigten Ressourcen, die Messung ihrer Mengen sowie ihre monetäre Bewertung („Valuation“ oder „Price Labelling“). Die Untersuchung des AIHTA fasst dazu Leitlinien und Costing-Manuale aus zwölf Ländern zusammen, darunter Australien, Deutschland, England & Wales und die Niederlande. Der Vergleich zeigt deutliche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede, die auf die jeweiligen Gesundheitssysteme zurückzuführen sind.
Ein stabiler methodischer Kern ist dennoch erkennbar: Die meisten Leitlinien empfehlen den Einsatz gemischter Kalkulationsansätze, etwa „Bottom-Up-Micro-Costing“ und „Top-Down-Macro-Costing“, und definieren konsistent zentrale Kostendomänen. Dazu zählen insbesondere ambulante und stationäre Leistungen – häufig basierend auf Kostensätzen für klinische Behandlungsfälle (DRGs) oder Tagessätzen – sowie Arzneimittel und Medizinprodukte. Große Heterogenität besteht jedoch bei der Erfassung von Kosten außerhalb der direkten medizinischen Versorgung – etwa für Transport oder informelle Pflege – sowie bei der Berücksichtigung indirekter Kosten wie Produktivitätsverlusten. Auch die empfohlene Bewertungsperspektive, beispielsweise die des Gesundheitssystems oder der gesamten Gesellschaft, und weitere methodische Aspekte variieren deutlich.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Entwicklung eines österreichischen Referenzrahmens weit mehr ist als eine rein technische Aufgabe. Unterschiede in der Kostenerfassung spiegeln häufig grundlegende Prioritäten und Wertentscheidungen wider.
Fazit: Die Entwicklung eines österreichischen Referenzrahmens und einer standardisierten Kostenerfassungsmethode kann nicht auf die bloße Übernahme internationaler Praktiken reduziert werden. Sie erfordert explizite konzeptuelle Entscheidungen, ein Bewusstsein für Zielkonflikte und eine sorgfältige Abstimmung auf den österreichischen institutionellen, organisatorischen, rechtlichen und politischen Kontext. Dafür braucht es einen gemeinsamen Prozess, in dem Entscheidungsträger:innen und Expert:innen die methodischen Grundlagen gemeinsam entwickeln.
AIHTA: Strohmaier, C. and Erdos, J. (2026): Health Economic Reference Cases and Costing Approaches – Concepts, International Practices and Implications for Austria. HTA-Projektbericht 174. https://eprints.aihta.at/1601/
Aus regulatorischer Sicht werden die meisten KI-gestützten DHTs derzeit als risikoarme Medizinprodukte oder nicht-medizinische Software eingestuft. Ihr Einsatz wirft wichtige Fragen hinsichtlich Genauigkeit, Vollständigkeit, Datenschutz, möglicher Verzerrungen, Verantwortlichkeiten und Governance auf.
Nach einer systematischen Literatursuche wurden im Rahmen der Studie drei systematische Reviews und vier Scoping Reviews mit insgesamt etwa 200 Primärstudien eingeschlossen. Dabei wurden folgende sechs Anwendungsfälle identifiziert: KI-Schreiber, Textstrukturierung, KI-generierte Dokumentation, patientenfreundliche Zusammenfassungen, Fehlererkennung und automatisierte Abrechnungskodierung.
Der Bericht zeigt eine heterogene und stark kontextabhängige Evidenzlage. Trotz hoher Zufriedenheit bei den Anwender:innen variieren Genauigkeit, Vollständigkeit und Produktivitätsgewinne erheblich. Die Evidenz zu den organisatorischen Auswirkungen, Implementierungsanforderungen und der langfristigen Leistungsfähigkeit ist begrenzt.
Fazit: KI-gestützte Dokumentationslösungen zeigen Potenzial zur Reduktion administrativer Belastungen, die aktuelle Evidenz ist jedoch begrenzt, inkonsistent und stark kontextabhängig. Vor einer breiten Implementierung sind ein verhältnismäßiger risikobasierter Ansatz, strukturierte Validierungsprozesse, sowie eine kontinuierliche menschliche Aufsicht und Governance-Mechanismen erforderlich.
AIHTA: Erdos, J. und Grabenhofer, L. (2026): Künstliche Intelligenz zur Unterstützung der Dokumentation im Krankenhaus – Eine systematische Übersicht aktueller Anwendungsbereiche. HTA-Projektbericht 171a. https://eprints.aihta.at/1597
Beim nicht-invasiven Telemonitoring bei Herzinsuffizienz (HI) werden Daten der Patient:innen, wie Körpergewicht, Blutdruck und Herzfrequenz, nach Krankenhausentlassungen über mobile Anwendungen im Rahmen von pflegegeleiteten DMPs übermittelt.
Eine systematische Literatursuche in vier Datenbanken identifizierte drei randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt HI-189 Patient:innen. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz war moderat, primär wegen breiter Konfidenzintervalle und kleiner Stichproben. Bezüglich der Wirksamkeit zeigte sich eine statistisch signifikante Reduktion der HI-bedingten Rehospitalisierung sowie eine Verbesserung der Lebensqualität. Alle drei Studien fanden keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Gesamtmortalität und Rehospitalisierung aller Ursachen. Zur Sicherheit der Anwendungen wurden keine Daten berichtet.
Basierend auf den Studien sowie den Erkenntnissen aus dem EU-Projekt ASSESS-DHT wurde für österreichische DHTs in DMPs ein Evaluationskonzept zur systematischen Bewertung klinischer, organisatorischer und ökonomischer Versorgungseffekte entwickelt. Da es sich um ein Klasse-IIb-Medizinprodukt zur Überwachung physiologischer Prozesse handelt und der klinische Zusatznutzen durch kontrollierte Studien noch nicht ausreichend belegt ist, werden kontrollierte Studien (z.B. Cluster-RCT, Stepped-Wedge-Design, Target-Trial-Emulation) mit den Endpunkten HI-bedingte Mortalität und Lebensqualität empfohlen.
Fazit: Die verfügbare Evidenz weist insbesondere im Hinblick auf statistische Präzision, Größe der Stichproben und Breite der Konfidenzintervalle Limitationen auf. Daten zur Kosteneffektivität fehlen gänzlich und eine Übertragbarkeit auf die Situation in Österreich ist schwierig. Es werden eine kontrollierte Studie im österreichischen Kontext sowie eine umfassende Kosteneffektivitätsanalyse empfohlen.
AIHTA: Stanak, M. und Riegelnegg, M. (2025): Telekardiologie bei Herzinsuffizienz: Evidenzbewertung und Evaluationskonzept für telemedizinisch unterstützte Versorgungsprogramme in Österreich. HTA-Projektbericht 172. https://eprints.aihta.at/1594/
25. März 2026, 18:00 Uhr
IQWiG-Forum Berlin
„Wie Wissenschaft Politik erreicht.“
Berlin
Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich
www.iqwig.de/veranstaltungen/iqwig-forum-berlin/
13. April 2026, 9:00 – 12:15 Uhr
Symposium: Traum(a) Gesundheitswesen
„Digital Health in der Nachsorge - vom Versorgungsbruch zur Versorgungskette"
Wien
Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich
goeg.at/symposium_gesundheitswesen
30. September bis 2. Oktober 2026
EbM-Kongress 2026
“Gesundheit gestalten – Gemeinsam gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen”
Göttingen
Call for Abstracts bis 30. März 2026
kongress-gesundheit-gestalten.de/call-for-abstracts/
Impressum:
Medieninhaber:
HTA Austria - Austrian Institute for Health Technology Assessment GmbH (AIHTA)
FN 522405 v
Redaktion:
Mag. Andrea Fried
*Disclaimer: Die im Editorial geäußerten Meinungen und Ansichten sind ausschließlich die des Verfassers bzw. der Verfasserin und spiegeln nicht notwendigerweise die Positionen oder Meinungen des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) oder anderer Institutionen wider. Trotz sorgfältiger Recherche wird keine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit oder Aktualität der Inhalte übernommen. Eine Haftung für etwaige Schäden, die aus der Nutzung der Informationen entstehen, ist ausgeschlossen.