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                                • Newsletter September 2015 | Nr. 140
                                • Einschätzung des Suizidrisikos

                                Einschätzung des Suizidrisikos

                                Eine unlösbare Aufgabe?

                                Mit der überspitzten Aussage „Wenn man Suizide nicht vorhersehen kann, dann kann man sie auch nicht verhindern“ hat der kanadische Psychiater Joel Paris (2007) die Wichtigkeit der Risikoeinschätzung betont (1). Seit Dekaden wird versucht, Suizide mit noch spezifischeren Risikofaktoren und Warnsignalen besser vorherzusagen. Die Studienergebnisse zeigen aber, dass die korrekte Vorhersage von Suiziden immer mit einer inakzeptablen Vielzahl an falsch positiven Voraussagen (Fehlalarmen) einhergeht, sodass die Vorhersagemodelle bisher nicht praxistauglich sind.

                                Dies ist kaum verwunderlich, resultiert doch ein Suizid aus einem komplexen Prozess mit einer Vielzahl an bio-psycho-sozialen Faktoren. Wie man von komplexen bzw. nicht-linear dynamischen Systemen weiß, sind sie vielleicht kurzfristig, aber sicher nicht längerfristig vorhersehbar. Nimmt man zudem im Frankl’schen Sinne an, dass Menschen sich in jeder Phase des suizidalen Prozesses mehr oder weniger frei für oder gegen einen Suizid entscheiden können, wird eine „objektive“ Risikoeinschätzung absurd. 

                                Dies steht in klarem Gegensatz zum Selbstanspruch der Suizidprävention. Hier wird gefordert, das Suizidrisiko nachvollziehbar zu quantifizieren, vor allem in „lege artis“ Konzepten aus den USA (z.B. (2)).  Bisher zeichnen sich drei Auswege aus dem Dilemma ab: Einerseits wird ein Eingeständnis der Unmöglichkeit, Suizide vorherzusagen und anstelle dessen direkt Suizidprävention zu betreiben, gefordert, in dem die Probleme aller Betroffenen möglichst gut behandelt werden. Dies beinhaltet auch das Eingehen auf die Suizidalität, deren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten (3). Eine andere Möglichkeit ist, die Theorien und Methoden komplexer Systeme zu verwenden. Mit den neuen technischen Möglichkeiten des Echtzeitmonitorings suizidrelevanter Faktoren lassen sich Daten generieren, mit denen kritische Phasen im zeitlichen Verlauf - auch von Gefährdeten  selbst - identifiziert werden könnten (4). Diese Forschung steckt noch in den Kinderschuhen und es ist unklar, ob sich Suizide wirklich besser vorhersehen lassen.  Der gängigste Umgang mit dem Problem ist nach wie vor die Suche nach „besseren“ Risikofaktoren oder Kombinationen von Risikofaktoren. Solche ergeben sich ständig durch neue wissenschaftliche Methoden vor allem auf der biologischen Ebene (5). Das zugrunde liegende Problem der Komplexität und des freien Willens wird hier ausgeblendet und Meilensteine sind daher hier nicht zu erwarten.

                                Dennoch ist die heutige Suizidprävention mit seiner unbefriedigenden Risikoeinschätzung keinesfalls sinnlos. Wie die Erfahrung zeigt, haben selbst erfahrende Helfer Hemmungen, mit Gefährdeten offen über das Thema Suizid zu sprechen. Dabei wäre dies zumeist entlastend und die therapeutische Beziehung fördernd, um so Wege aus der Krise zu finden. Alleine hier anzusetzen kann Suizide verhindern, auch wenn man sie nicht vorhersehen kann.

                                Priv.-Doz.Dr. Martin Plöderl, Suizidprävention am Universitätsinstitut für klinische Psychologie, Christian-Doppler-Klinik, Paracelsus Medizinische Privatuniversität

                                Literatur:

                                1. Paris, J. (2007). Half in love with death: Managing the chronically suicidal patient. Routledge.

                                2. Silverman, M. M., & Berman, A. L. (2014). Training for suicide risk assessment and suicide risk formulation. Academic Psychiatry, 38(5), 526-537.
                                3. Ryan, C. J., Large, M., Gribble, R., Macfarlane, M., Ilchef, R., & Tietze, T. (2015). Assessing and managing suicidal patients in the emergency department. Australasian Psychiatry. Doi: 10.1177/1039856215597536.
                                4. Schiepek, G., et al (2011). Nonlinear dynamics. Theoretical perspectives and application to suicidology. Suicide and Life-Threatening Behavior, 41, 661-675.
                                5. Niculescu, A. B., et al. (2015). Understanding and predicting suicidality using a combined genomic and clinical risk assessment approach. Molecular Psychiatry. doi: 10.1038/mp.2015.112
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                                                                                  • Horizon Scanning in der Onkologie – Priorisierung onkologischer Wirkstoffe
                                                                                    • Horizon Scanning of Medicines - Berichte und Fact Sheets
                                                                                      • Horizon Scanning in der Onkologie – Hilfestellung für eine „Budget-Impact-Berechnung“
                                                                                        • Bewertung medizinischer Einzelleistungen (MEL) - Berichte
                                                                                          • Betreuung von Masterarbeiten
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