Integrierte digitale Wundmanagementsysteme (IDWMS) in der Versorgung chronischer Wunden: Evidenzbewertung und Evaluationskonzept für die Implementierung im österreichischen Gesundheitssystem
Projektleitung: Yui Hidaka
Projektbearbeitung: Oliver Bernecker, Yui Hidaka
Dauer: Q1 2026 bis Q3 2026
Sprache: Englisch (mit deutscher Zusammenfassung)
Hintergrund:
Chronische Wunden (z. B. Ulcus cruris, diabetisches Fußulkus, Dekubitus) verursachen eine hohe Krankheitslast, lange Versorgungszeiten und wiederholte Kontakte in unterschiedlichen Settings [1,2]. In der Praxis sind Dokumentation, Verlaufstracking und Informationsaustausch häufig fragmentiert, was klinische Entscheidungen erschwert und Personal bindet. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Qualitätssicherung, Nachvollziehbarkeit und sektorenübergreifende Zusammenarbeit. Die zentralen Problemlagen der chronischen Wundversorgung können wie folgt zusammengefasst werden:
- Viele Schnittstellen zwischen Versorgungsbereichen
- Fehlende oder heterogene Verlaufsdokumentation
- Uneinheitliche Wundvermessung mit geringer Reliabilität
- hoher Prozessaufwand mit hoher Personalbindung
Robuste Prävalenz- und Inzidenzdaten fehlen sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene, da Definitionen, Erhebungsmethoden und Datenquellen variieren [1,3,4]. Internationale Schätzungen (OECD) verorten den Anteil Betroffener in Hocheinkommensländern bei etwa 1–2,5 %. [6]. Für Europa werden die Ausgaben auf 2–5 % der Gesundheitsausgaben geschätzt; zentrale Kostentreiber sind stationäre Aufenthalte und Personalkosten [7,8].
Integrierte digitale Wundmanagementsysteme (engl. digital wound management systems/DWMS) zielen darauf ab, die Vermessung und Dokumentation chronischer Wunden über unterschiedliche Schnittstellen hinweg zu standardisieren und diese Informationen auf einer gemeinsam nutzbaren Plattform digital verfügbar zu machen. Ebenso sollen sie eine effiziente telemedizinische Betreuung von Betroffenen unterstützen. [3]. DWMS kombinieren typischerweise Wundbildgebung (2D/3D), (teil-)automatisierte Vermessung/Analyse, strukturierte Dokumentation und Plattformfunktionen (Dashboard, Export/Schnittstellen). Dabei kommen unterschiedliche digitale Gesundheitstechnologien zum Einsatz.
Viele DMWS sind für eine telemedizinische Verwendung ausgelegt. Wunddaten werden ortsunabhängig erfasst, übertragen und können von behandelnden Gesundheitsfachkräften bewertet werden. Diese Systeme erfordern die digitale Übermittlung und zentrale Speicherung von Informationen zwischen Nutzer:innen und Behandler:innen. Eine weitere, von DWMS genutzte digitale Gesundheitstechnologie ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). KI wird vor allem in der Bildanalyse (z.B. Segmentierung, Flächen-/Volumenmessung) und zur Entscheidungsunterstützung (z.B. Risiko- oder Verlaufsprognosen) eingesetzt werden. Je nach System kann es sich dabei um statische (fixe) oder adaptive (selbstlernende, sich on-market verändernde) KI handeln.
DWMS ist eine Intervention, die aus einem softwarebasierten Medizinprodukt sowie weiteren Komponenten besteht. Im Report wird das ASSESS-DHT-Framework [5] als strukturierender Bezugsrahmen genutzt, um neben den klassischen HTA-Domänen auch digitale Gesundheitstechnologien (engl. digital health technologie/DHT)-spezifische Querschnittsthemen (z.B. Interoperabilität, Datenschutz, Cybersicherheit) konsistent zu adressieren.
Ziele des Projekts:
Das Projekt verfolgt drei Ziele:
- DWMS-Lösungen zu kartieren und Use Cases (Indikation x Setting/Workflow) sowie die Evidenzlandschaft (klinisch, organisatorisch, ökonomisch) zu strukturieren.
- Die Evidenz zu klinischer Wirksamkeit und Sicherheit zu bewerten.
- Strukturierte Erfassung der Anforderungen, Barrieren und Umsetzungsoptionen für Österreich und ein Konzept für eine Evaluation zu skizzieren.
Nicht-Ziele:
Das Projekt zielt nicht darauf ab:
- Technologien zu bewerten, die die Einschlusskriterien nicht erfüllen (z.B. reine Fotoablage, Einzeltools ohne integrierten Workflow oder reine Telemedizin-Lösungen ohne integrierte Vermessung/Analyse).
- Eine gesundheitsökonomische Evaluation (Kosten-Effektivität) durchzuführen.
Forschungsfragen:
FF1: Welche DWMS-Lösungen/Modelle sind international verfügbar bzw. in Österreich im Einsatz/in Pilotierung, und wie ist die Evidenzlandschaft dazu (klinisch und organisatorisch) strukturiert?
FF2: Wie performen IDWMS in klinischer Anwendung (Klinische Wirksamkeit und Sicherheit, technische Performance/Validität, Organisatorische-/Prozesseffekte, Usability/Vertrauen) und welche Evidenzlücken bestehen für eine spätere vergleichende Bewertung gegenüber Standardversorgung?
FF3: Welche Empfehlungen lassen sich für die Implementierung in Österreich ableiten, und wie sollte eine Pilotierung evaluiert werden (KPIs, Mindestdatensatz, Designoptionen)?
Methoden:
FF1: Mapping von Technologien und Evidenzlandschaft
Datenquellen:
- Ergebnisse der systematischen Literatursuche aus FF2 (Publikationen zu IDWMS).
- Ergänzende Quellen: graue Literatur (Webseiten/Projektberichte), Herstellerinformationen, nationale Programme/Strategien und relevante Behörden- bzw. Sozialversicherungskontexte.
Vorgehen und Output:
- IDWMS-Kandidaten identifizieren und anhand der Mindestmerkmale beschreiben (Einsatzbereich, Setting, Workflow-Integration).
- Use Cases (Indikation x Setting/Workflow) definieren und Evidenztypen zuordnen (Validierung/Performance, Implementierung, Vergleich).
- Erstellen einer Evidenzkarte und Benennen von Evidenzlücken.
FF2: Systematische Übersichtsarbeit als layered Update
- Strukturierte Suche der letzten 5 Jahre nach systematischen Übersichtsarbeiten (SR) zum Thema IDWMS.
- Auswahl eines systematischen Reviews als Basisarbeit: zwei Reviewer beurteilen unabhängig; Kriterien der Auswahl (Reihenfolge): Risiko systematischer Verzerrung der SR (Risk of Bias in Systematic Reviews, ROBIS), Passung zum Scope und zur PICO-Struktur (Population, Intervention, Comparator, Outcomes; PICO), Aktualität und Abdeckung (Suchstichtag, Zeitraum).
- SR-Update: Übernahme der Primärstudien der Basisarbeit plus systematische Update-Suche vom Suchstichtag der Basisarbeit bis zum Projektsuchstichtag.
- Extraktion und Synthese: Strukturierung mit dem European Network for Health Technology Assessment (EUnetHTA) Core Model 3.0 [9] und dem ASSESS-DHT-Handbuch; Risk-of-bias-Bewertung durch zwei unabhängige Reviewer; für vergleichende klinische Outcomes erfolgt - sofern angemessen - eine Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mittels GRADE.
FF3: Österreich-Kontext, Implementationsoptionen und Pilot-Evaluation
Datenquellen:
- Ergebnisse aus FF1 und FF2.
- Gezielte Quellen zum Österreich-Kontext (Leitlinien, Versorgungsmodelle, Programme, eHealth/Interoperabilität, Datenschutz/Governance, Vergütung/Finanzierung).
- Expert:inneninputs: diese erfolgen als semistrukturierte Experteninterviews aus unterschiedlichen Versorgungsbereichen.
Vorgehen und Output:
- Ableiten von Anforderungen und Barrieren für eine Implementierung (IT/Interoperabilität, Rollen und Workflows, Verantwortlichkeiten, Schulungsbedarf).
- Definieren eines Pilot-Evaluationskonzeptes (KPIs, Mindestdatensatz, Datenerhebungswege, Designoptionen wie Vorher-Nachher, kontrollierte Beobachtungsstudie oder stufenweise Einführung).
Einschluss- und Ausschlusskriterien:
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Element |
Einschlusskriterien |
Ausschlusskriterien |
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Population |
Patient:innen mit chronischen Wunden (z. B. Ulcus cruris, DFU, Dekubitus). |
Akute/postoperative Wunden, Verbrennungen, onkologische Wunden (wenn außerhalb Scope) |
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Intervention |
IDWMS mit integrierten Mindestmerkmalen: digitale Bildgebung + (teil-) automatisierte Analyse/Vermessung + strukturierte Dokumentation/Tracking + Plattform-/Workflow-Funktionen. |
Einzeltools ohne integrierten Workflow bzw. reine Fotoablage ohne Systemcharakter |
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Kontrollintervention |
Kein Einschlusskriterium. Vergleichende Studien werden, falls vorhanden, separat ausgewertet. |
Kein explizites Ausschlusskriterium. |
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Outcome |
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Kein explizites Ausschlusskriterium. |
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Setting |
ambulant, stationär, extramural/Langzeitpflege |
– |
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Zeitraum |
Basis-Layer SR/HTA: letzte fünf Jahre; Primärstudien-Update: ab Suchstichtag der Basisarbeit bis Projektsuchstichtag. |
– |
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Sprache |
Englisch und Deutsch. |
– |
Zeitplan und Meilensteine:
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Zeitfenster |
Tasks |
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Februar 2026 |
Scoping/Protokollfinalisierung |
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März 2026 |
Literaturauswahl für Anwendungsbereiche: systematische Literatursuche und Handsuche, Datenextraktion |
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April – Juni 2026 |
Extraktion/Synthese & Erarbeitung des Pilotkonzepts |
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Juli 2026 |
Interner und externer Review |
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August 2026 |
Layout und Veröffentlichung |
Referenzen:
[1] Schneider, C., Drgac, D., Niederleithinger, M., Hruschka, V., & Himmelsbach, R. (2022). Die Versorgung chronischer Wunden durch das österreichische Gesundheitssystem – eine Übersicht. Ludwig Boltzmann Forschungsgruppe Alterung und Wundheilung. https://doi.org/10.5281/zenodo.6406108
[2] Martinengo, L., Olsson, M., Bajpai, R., Soljak, M., Upton, Z., Schmidtchen, A., Car, J., & Järbrink, K. (2019). Prevalence of chronic wounds in the general population: Systematic review and meta-analysis of observational studies. Annals of Epidemiology, 29, 8–15. https://doi.org/10.1016/j.annepidem.2018.10.005
[3] England, C., Boyce, R., Hasler, E., Hughes, S., & Jarrom, D. (2025). The clinical effectiveness of integrated digital wound management systems. Journal of Wound Care, 34(10), 852–860. https://doi.org/10.12968/jowc.2024.0086
[4] Health Technology Wales. (2023). Integrated Digital Wound Care Management Systems to assess and manage people receiving wound care (Evidence Appraisal Report No. EAR051). Health Technology Wales.
[5] Bowie, D., Needham-Taylor, A., et al. (2025). Working paper on the interim Manual for piloting assessment methods for digital health technologies (ASSESS?DHT Interim Manual 2). (Zugriff 20.02.2026).
[6] de Bienassis, K., Llena-Nozal, A., & Klazinga, N. (2020). The economics of patient safety Part III: Long-term care: Valuing safety for the long haul. OECD Health Working Papers, No. 121. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/be07475c-en
[7] World Health Organization. (2022, November 28). Diabetes interventions: Technical briefing for Appendix 3 of the Global Action Plan for Non-Communicable Diseases (Version 28 Nov 2022).
[8] Guest, J. F., Fuller, G. W., Vowden, P., & Vowden, K. R. (2020). Cohort study evaluating the burden of wounds to the UK’s National Health Service in 2017/2018: Update from 2012/2013. BMJ Open. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2020-045253
[9] EUnetHTA Joint Action 2, Work Package 8. HTA Core Model® version 3.0. 2016.















