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- Newsletter Dezember 2025 | Nr. 243
- Editorial: Abschied von der Solidarität im Gesundheitswesen?
Editorial: Abschied von der Solidarität im Gesundheitswesen?
Diese Argumentationsweise verkennt allerdings die Logik solidarischer Gesundheitssysteme. Als diese eingeführt wurden, war völlig klar, dass manche Menschen “teurer” sein würden als andere. Dennoch entschied man sich bewusst dafür, diese Unterschiede in den Beiträgen, die Menschen leisten, zu ignorieren: Das Gesundheitssystem sollte Menschen dort unterstützen, wo sie es brauchen, unabhängig von der Höhe ihrer Risiken und ihrer Beiträge. Dass wir heute individuelle Risiken feiner bestimmen können, ändert an diesem Grundprinzip nichts. Ob wir ein solidarisches System beibehalten oder zu einem stärker privatisierten Modell übergehen, in dem Menschen entsprechend ihres individuellen Risikos zahlen, ist keine technische Notwendigkeit. Es ist eine politische Entscheidung.
Allerdings bedarf es heute anderer Instrumente und Prioritäten, um dieses solidarische System zu sichern und zu stärken. Das Grundprinzip – Finanzierung nach Leistungsfähigkeit, Versorgung nach Bedarf – bleibt bestehen. Entwicklungen wie demografischer Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen, steigende Kosten und rasanter technologischer Fortschritt bedeuten nicht, dass Solidarität heute weniger relevant wäre. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten von Krisen wird Solidarität wichtiger – aber sie muss heute anders organisiert werden als noch vor einigen Jahrzehnten.
Um die Stabilität unseres Gesundheitssystems zu sichern, braucht es eine stärkere Ausrichtung auf Prävention und öffentliche Gesundheit. Ein solidarisches System kann nur funktionieren, wenn es nicht erst dann eingreift, wenn Krankheiten bereits entstanden sind, sondern Gesundheit von Anfang an fördert. Dazu gehört auch, Gesundheit in allen Politikfeldern mitzudenken (vgl. health in all policies) [4]. Viele Faktoren, die Menschen gesund halten oder krank machen, liegen außerhalb des Gesundheitssystems: in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Wohnen oder Umwelt.
Zudem müssen die digitalen Determinanten von Gesundheit ernst genommen werden [5]. Digitale Technologien entscheiden heute zunehmend darüber, wer Zugang zu Information, Versorgung und Prävention hat. Wenn Terminvergaben, Befunde oder Gesundheitsinformationen ausschließlich über Apps oder Patientenportale verfügbar sind, profitieren davon vor allem Menschen mit stabiler Internetanbindung, hoher Gesundheits- und Digitalkompetenz oder ausreichender Zeitressource. Wenn wir vermeiden wollen, dass hier neue Ungleichheiten entstehen, müssen digitale Angebote so gestaltet sein, dass sie allen nutzen. Dazu gehören barrierefreie Benutzeroberflächen, analoge Alternativen, klare Governance-Strukturen für Datensouveränität und eine Infrastruktur, die digitale Teilhabe fördert statt behindert.
Zugleich müssen die Finanzierungsmechanismen an die heutigen Realitäten angepasst werden. Steigende Kosten bedeuten nicht nur, dass das System an seine Grenzen stößt, sondern auch, dass die Finanzierung gerechter und effizienter gestaltet werden muss. Dazu gehört eine breite solidarische Basis, die Fehlanreize vermeidet und öffentliche Mittel dort einsetzt, wo sie den größten gesellschaftlichen Nutzen bringen.
Auch technologische Entwicklungen in der Medizin – einschließlich der Präzisionsmedizin – spielen eine zentrale Rolle. Entscheidend ist jedoch nicht die Technologie selbst, sondern wie und wo sie eingesetzt wird. Wenn digitale Innovationen dazu beitragen, den Zugang zur Versorgung zu verbessern, Behandlungslücken zu schließen und Ungleichheiten zu reduzieren, dann stärken sie Solidarität. Werden sie hingegen primär genutzt, um Profite zu privatisieren, können sie das Gegenteil bewirken. Es braucht daher klare, gemeinwohlorientierte Leitlinien und auch eine transparente Datenpolitik.
Nicht zuletzt hängt ein solidarisches Gesundheitssystem davon ab, ob jene, die in ihm arbeiten, gute Bedingungen vorfinden. Ärzt:innen, Pflegepersonen, Therapeut:innen und viele andere tragen die Versorgung, und können dies nur dann verlässlich tun, wenn ihnen ausreichend Zeit, Ressourcen und Anerkennung zur Verfügung stehen. Ohne gute Arbeitsbedingungen verliert das System seine wichtigste Stütze.
Solidarität ist ein politischer Auftrag, die Organisation und die Schwerpunkte der Gesundheitsversorgung an die Herausforderungen der Gegenwart anzupassen. Präzisionsmedizin verändert dabei die Werkzeuge und Möglichkeiten, aber nicht die grundlegende Entscheidung, wie wir miteinander umgehen wollen: Nämlich ob wir in einem Gesundheitswesen leben möchten, in dem Menschen füreinander einstehen – oder in einem, das Risiken individualisiert und Kosten privatisiert.
Univ.-Prof. Dr. Barbara Prainsack hat eine Professur für Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Wien. Sie ist u. a. auch Vorstandsmitglied der Österreichischen Plattform für Personalisierte Medizin (Vizepräsidentin und designierte Präsidentin). Ihr neues Buch Datenschlussverkauf: Solidarität in der digitalen Welt erscheint im März 2026.
Bibliographie
[1] Tutton R. (2016): Genomics and the reimagining of personalized medicine. Routledge.
[2] Prainsack B. (2017): Personalized medicine: empowered patients in the 21st century? In Personalized medicine. New York University Press.
[3] Dickenson D. (2013): Me medicine vs. we medicine: Reclaiming biotechnology for the common good. Columbia University Press.
[4] Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) (n.d.): “Was ist HiAP?” https://hiap.goeg.at/was_ist_hiap
[5] Van Kessel R., Seghers L.E., Anderson M., Schutte N.M., Monti G., Haig M., Schmidt J., Wharton G., Roman-Urrestarazu A., Larrain B. and Sapanel Y. (2024): A scoping review and expert consensus on digital determinants of health. Bulletin of the World Health Organization, 103(2), p.110.















