Newsletter Dezember 2025 | Nr. 243

Editorial: Abschied von der Solidarität im Gesundheitswesen?

Personalisierte oder “Präzisionsmedizin” werden oft als die Zukunft der Gesundheitsversorgung gesehen: Diagnose, Therapie, und idealerweise auch Prävention sollen auf individuelle Merkmale zugeschnitten sein, statt sich auf einen (meist männlichen) „Standardpatienten“ zu beziehen [1, 2]. Doch dadurch entstehen auch neue Fragen: Was bedeutet das für unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem? Manche Beobachter:innen, wie Donna Dickenson in ihrem Buch Me Medicine vs We Medicine, befürchten, dass Präzisionsmedizin die Grundfesten eines solidarischen Gesundheitswesens untergräbt [3].

Diese Argumentationsweise verkennt allerdings die Logik solidarischer Gesundheitssysteme. Als diese eingeführt wurden, war völlig klar, dass manche Menschen “teurer” sein würden als andere. Dennoch entschied man sich bewusst dafür, diese Unterschiede in den Beiträgen, die Menschen leisten, zu ignorieren: Das Gesundheitssystem sollte Menschen dort unterstützen, wo sie es brauchen, unabhängig von der Höhe ihrer Risiken und ihrer Beiträge. Dass wir heute individuelle Risiken feiner bestimmen können, ändert an diesem Grundprinzip nichts. Ob wir ein solidarisches System beibehalten oder zu einem stärker privatisierten Modell übergehen, in dem Menschen entsprechend ihres individuellen Risikos zahlen, ist keine technische Notwendigkeit. Es ist eine politische Entscheidung.

Allerdings bedarf es heute anderer Instrumente und Prioritäten, um dieses solidarische System zu sichern und zu stärken. Das Grundprinzip – Finanzierung nach Leistungsfähigkeit, Versorgung nach Bedarf – bleibt bestehen. Entwicklungen wie demografischer Wandel, die Zunahme chronischer Erkrankungen, steigende Kosten und rasanter technologischer Fortschritt bedeuten nicht, dass Solidarität heute weniger relevant wäre. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten von Krisen wird Solidarität wichtiger – aber sie muss heute anders organisiert werden als noch vor einigen Jahrzehnten.

Um die Stabilität unseres Gesundheitssystems zu sichern, braucht es eine stärkere Ausrichtung auf Prävention und öffentliche Gesundheit. Ein solidarisches System kann nur funktionieren, wenn es nicht erst dann eingreift, wenn Krankheiten bereits entstanden sind, sondern Gesundheit von Anfang an fördert. Dazu gehört auch, Gesundheit in allen Politikfeldern mitzudenken (vgl. health in all policies) [4]. Viele Faktoren, die Menschen gesund halten oder krank machen, liegen außerhalb des Gesundheitssystems: in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Wohnen oder Umwelt.

Zudem müssen die digitalen Determinanten von Gesundheit ernst genommen werden [5]. Digitale Technologien entscheiden heute zunehmend darüber, wer Zugang zu Information, Versorgung und Prävention hat. Wenn Terminvergaben, Befunde oder Gesundheitsinformationen ausschließlich über Apps oder Patientenportale verfügbar sind, profitieren davon vor allem Menschen mit stabiler Internetanbindung, hoher Gesundheits- und Digitalkompetenz oder ausreichender Zeitressource. Wenn wir vermeiden wollen, dass hier neue Ungleichheiten entstehen, müssen digitale Angebote so gestaltet sein, dass sie allen nutzen. Dazu gehören barrierefreie Benutzeroberflächen, analoge Alternativen, klare Governance-Strukturen für Datensouveränität und eine Infrastruktur, die digitale Teilhabe fördert statt behindert.

Zugleich müssen die Finanzierungsmechanismen an die heutigen Realitäten angepasst werden. Steigende Kosten bedeuten nicht nur, dass das System an seine Grenzen stößt, sondern auch, dass die Finanzierung gerechter und effizienter gestaltet werden muss. Dazu gehört eine breite solidarische Basis, die Fehlanreize vermeidet und öffentliche Mittel dort einsetzt, wo sie den größten gesellschaftlichen Nutzen bringen.

Auch technologische Entwicklungen in der Medizin – einschließlich der Präzisionsmedizin – spielen eine zentrale Rolle. Entscheidend ist jedoch nicht die Technologie selbst, sondern wie und wo sie eingesetzt wird. Wenn digitale Innovationen dazu beitragen, den Zugang zur Versorgung zu verbessern, Behandlungslücken zu schließen und Ungleichheiten zu reduzieren, dann stärken sie Solidarität. Werden sie hingegen primär genutzt, um Profite zu privatisieren, können sie das Gegenteil bewirken. Es braucht daher klare, gemeinwohlorientierte Leitlinien und auch eine transparente Datenpolitik.

Nicht zuletzt hängt ein solidarisches Gesundheitssystem davon ab, ob jene, die in ihm arbeiten, gute Bedingungen vorfinden. Ärzt:innen, Pflegepersonen, Therapeut:innen und viele andere tragen die Versorgung, und können dies nur dann verlässlich tun, wenn ihnen ausreichend Zeit, Ressourcen und Anerkennung zur Verfügung stehen. Ohne gute Arbeitsbedingungen verliert das System seine wichtigste Stütze.

Solidarität ist ein politischer Auftrag, die Organisation und die Schwerpunkte der Gesundheitsversorgung an die Herausforderungen der Gegenwart anzupassen. Präzisionsmedizin verändert dabei die Werkzeuge und Möglichkeiten, aber nicht die grundlegende Entscheidung, wie wir miteinander umgehen wollen: Nämlich ob wir in einem Gesundheitswesen leben möchten, in dem Menschen füreinander einstehen – oder in einem, das Risiken individualisiert und Kosten privatisiert.

Univ.-Prof. Dr. Barbara Prainsack hat eine Professur für Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Wien. Sie ist u. a. auch Vorstandsmitglied der Österreichischen Plattform für Personalisierte Medizin (Vizepräsidentin und designierte Präsidentin). Ihr neues Buch Datenschlussverkauf: Solidarität in der digitalen Welt erscheint im März 2026.

Bibliographie

[1] Tutton R. (2016): Genomics and the reimagining of personalized medicine. Routledge.

[2] Prainsack B. (2017): Personalized medicine: empowered patients in the 21st century? In Personalized medicine. New York University Press.

[3] Dickenson D. (2013): Me medicine vs. we medicine: Reclaiming biotechnology for the common good. Columbia University Press.

[4] Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) (n.d.): “Was ist HiAP?” https://hiap.goeg.at/was_ist_hiap

[5] Van Kessel R., Seghers L.E., Anderson M., Schutte N.M., Monti G., Haig M., Schmidt J., Wharton G., Roman-Urrestarazu A., Larrain B. and Sapanel Y. (2024): A scoping review and expert consensus on digital determinants of health. Bulletin of the World Health Organization, 103(2), p.110.

Social Prescribring in Österreich: Entwicklung einer Programmtheorie auf Grundlage von Realist-Evidenz

Social Prescribing ist ein innovativer Ansatz in der Primärversorgung. Dabei werden Patient:innen mit gesundheitlichen, aber nicht-klinischen Beschwerden, an geeignete regionale Angebote vermittelt. Das Angebotsspektrum kann je nach Verfügbarkeit von Bewegungsmaßnahmen bis hin zu Wohnberatungen reichen. Das Konzept, das ursprünglich aus Großbritannien stammt, wird in Österreich bereits in mehreren Primärversorgungseinheiten und Ordinationen umgesetzt. Das AIHTA hat mittels „Realist-Methoden“ die Evidenz für den österreichischen Social Prescribing-Prozess untersucht und Erfolgsfaktoren identifiziert.

Interventionen im Gesundheitssystem sind in vielen Fällen komplex. Forschungsprojekte kommen darum häufig zu kontextabhängigen Ergebnissen: In manchen Fällen funktionieren Maßnahmen, in anderen nicht. Das erschwert Evidenzsynthesen. Systematische Übersichtsarbeiten sind hilfreich, können jedoch vielfach Fragen der praktischen Umsetzung, Skalierung oder Wirksamkeit unter bestimmten Rahmenbedingungen nicht beantworten.

Realist-Methoden können hilfreich sein, um die Wirkungsweise komplexer Interventionen im Kontext realer Versorgungssituationen zu verstehen. Das methodische Kernkonzept ist die Kontext-Mechanismus-Outcome-Konfiguration (CMOC). Sie dient dazu, mit Hilfe einer Programmtheorie Hypothesen darüber zu entwickeln und zu prüfen, wie bestimmte Mechanismen in spezifischen Kontexten bestimmte Ergebnisse erzeugen.

Ziel des AIHTA-Berichts war es, die verfügbare Realist-Evidenz zu Social Prescribing für den österreichischen Kontext zusammenzufassen und drei Fokusfragen zu bearbeiten. Die Literatursuche erfolgte in sechs Datenbanken, 13 Studien wurden eingeschlossen. Insgesamt wurden 257 CMOCs identifiziert, die in den österreichischen Social Prescribing Prozess eingeordnet wurden.

Fazit: Der Bericht analysiert wesentliche Erfolgsfaktoren von Social Prescribing in der österreichischen Primärversorgung. Zudem zeigt er den aktuellen Forschungsbedarf auf, etwa hinsichtlich der Mechanismen der Sensibilisierung, der gesellschaftlichen Akzeptanz sowie weiterer potenzieller Endpunkte. Die aufgestellte Programmtheorie bietet eine erste, theoriebasierte Grundlage für die Planung zukünftiger Evaluationen und die Auswahl geeigneter Monitoring-Indikatoren und sollte auf Grundlage neuer Ergebnisse kontinuierlich weiterentwickelt werden.

AIHTA: Kern J., Schönegger R. (2025): Social Prescribring in der Primärversorgung – Entwicklung einer österreichischen Programmtheorie auf Grundlage von Realist-Evidenz. HTA-Projektbericht 173. https://eprints.aihta.at/1581/

Nudging-Interventionen zur Optimierung des Verschreibungsverhaltens von Ärzt:innen

Nudging ist ein Konzept der Verhaltensökonomie, das darauf abzielt, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne auf Verbote oder finanzielle Anreize zurückzugreifen. Das AIHTA hat in einem systematischen Review die Wirksamkeit von Nudging-Interventionen zur Optimierung des Verschreibungsverhaltens von Ärztinnen und Ärzten und deren Umsetzbarkeit im österreichischen Gesundheitssystem untersucht.

Unangemessene Medikamentenverschreibungen – insbesondere von Antibiotika und Opioiden – tragen zu Resistenzen, Abhängigkeiten und hohen Gesundheitsausgaben bei. Trotz verfügbarer Leitlinien besteht häufig eine Diskrepanz zwischen evidenzbasierten Empfehlungen und der tatsächlichen Verschreibungspraxis. Nudging-Interventionen versprechen, Verschreibungsentscheidungen ohne Verbote oder finanzielle Anreize zu optimieren.

Aufbauend auf einer Vorabsuche nach systematischen Übersichtsarbeiten wurde eine aktualisierte systematische Suche nach randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) in vier Datenbanken durchgeführt. Zur Klassifizierung der Nudges wurden drei Kategorisierungen verwendet: die Nudge-Interventionsleiter, das Theoretical Domains Framework und das MINDSPACE-Framework. Die Umsetzbarkeit in Österreich wurde durch eine Konsultation von Expert:innen mittels Onlinebefragung bewertet.

Niedrigintensive Nudges, insbesondere Peer-Vergleich-Interventionen, erwiesen sich über alle Medikamentengruppen hinweg (Antibiotika, Opioide und andere Medikamente) als wirksam, während mittel- und hochintensive Nudges variable Effektivität zeigten. Die begrenzt verfügbaren Sicherheitsdaten (n=4) lieferten keine Hinweise auf negative Auswirkungen auf die Patient:innensicherheit. Ökonomische Ergebnisse wurden nur vereinzelt (n=3) berichtet und zeigten keine eindeutige Kosteneffektivität.

Fazit: Die Evidenz deutet auf eine mögliche Wirksamkeit von Nudges hin. Zur Implementierung in Österreich müssten technische, organisatorische und finanzielle Voraussetzungen geschaffen werden. Empfehlenswert erscheint ein schrittweiser Ansatz: Zunächst Pilotprojekte in definierten Settings mit begleitender Evaluation, Entwicklung kompatibler Systeme sowie partizipativer Einbindung relevanter Stakeholder durchzuführen. Eine breitere gesundheitspolitische Diskussion über Ziele, ethische Grenzen und erwünschte Verschreibungsmuster sollte der Implementierung vorausgehen.

AIHTA: Hofer V., Pleyer J.A. (2025): Nudging-Interventionen zur Optimierung des Verschreibungsverhaltens von Ärzt:innen. HTA-Projektbericht 168. https://eprints.aihta.at/1593/

Bewertungsboard: HTA zu Obecabtagene Autoleucel (Obe-cel, AUCATZYL®) veröffentlicht

Im Rahmen der Arbeiten für das Bewertungsboard wurde das AIHTA im Juni 2025 mit der Evaluierung von Obecabtagene Autoleucel (Obe-cel, AUCATZYL®) beauftragt. Der HTA-Bericht liegt nun vor.

Obe-cel ist eine neuartige Therapie für eine spezielle Form von Blutkrebs (rezidivierende oder refraktäre akute lymphatische B-Vorläuferzell-Leukämie, r/r B-ALL). Die Behandlung von r/r B-ALL ist komplex und sehr individuell. Als Standardtherapie kommen derzeit hauptsächlich Antikörpertherapien zum Einsatz, gefolgt von Stammzelltransplantationen, die bisher als einzige etablierte heilende Option gelten.

Obe-cel ist eine autologe CAR-T-Zelltherapie, bei der den Patient:innen eigene T-Zellen aus dem Blut entnommen, im Labor gentechnisch verändert und dann wieder in den Körper zurückgegeben werden. Diese veränderten T-Zellen können Krebszellen erkennen und bekämpfen. Die Behandlung erfordert umfangreiche Vorbereitungen, einen mehrwöchigen Spitalsaufenthalt und eine engmaschige Nachsorge.

Obe-cel erhielt im Juni 2025 von der europäischen Kommission eine bedingte Zulassung für Erwachsene ab 26 Jahren. Das bedeutet, dass die Zulassung auf Basis noch begrenzter Daten erteilt wurde, und der Hersteller zusätzliche Studien zum weiteren Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit durchführen muss. Obe-cel wurde bisher in einer einarmigen Phase-1b/2-Multikohortenstudie untersucht. Das heißt, es gab keine Kontrollgruppe. In der Hauptstudiengruppe nahmen 94 Patient:innen teil. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Median 20,3 Monate. 77 % der Teilnehmer:innen sprachen auf die Behandlung an, davon 55 % mit kompletter Remission. Die mediane Ansprechdauer betrug 14,1 Monate, das mediane ereignisfreie Überleben 9,0 Monate.

In Bezug auf die Sicherheit traten bei allen Patient:innen unerwünschte Ereignisse auf, wobei die häufigsten schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse (Grad ?3) febrile Neutropenie (12,6 %), immunzellassoziiertes Neurotoxizitätssyndrom (6,3 %) und Sepsis (5,5 %) waren. Bei 68,5 % der Patient:innen trat ein Zytokinfreisetzungssyndrom auf. 35 % der Patient:innen, die eine Behandlung mit Obe-cel erhalten hatten, starben, wobei zwei Todesfälle (1,6 %) behandlungsbedingt waren.

Die Gesamtkosten pro Behandlung liegen schätzungsweise zwischen rund 461.000 und 542.000 Euro, wobei die Arzneimittelkosten mit 380.00 bis 434.000 Euro den höchsten Anteil ausmachen. Damit liegt Obe-cel über den Kosten der meisten Standardtherapien. Eine detaillierte Budgetfolgenanalyse mit Kostenvergleichen wurde im Rahmen des Assessments nicht durchgeführt, da die Behandlung bei r/r B-ALL sehr individuell verläuft und nur wenige Patient:innen betroffen sind. Organisatorisch erfordert Obe-cel spezialisierte CAR-T-Zentren mit Erfahrung in Stammzelltransplantationen. Österreich verfügt über ein nationales CAR-T-Netzwerk sowie mehrere Register zur Dokumentation der Anwendungen. Patient:innen berichten über starke körperliche und psychische Belastungen durch r/r B-ALL und die bisherige Standardbehandlung. Sie äußern große Hoffnung auf langfristige Remissionen durch neue Therapien.

Obe-cel stellt eine Erweiterung der Behandlungsoptionen für Erwachsene ab 26 Jahren mit r/r B-ALL dar. Trotz der hohen Ansprechraten bleiben aufgrund des einarmigen Studiendesigns und begrenzter Langzeitdaten Unsicherheiten bestehen, weitere Studien befinden sich in Durchführung. Es bleibt abzuwarten, wann das Arzneimittel vom Hersteller für den österreichischen Markt zur Verfügung gestellt wird.

AIHTA Appraisal Board Author Group, HTA Austria (2025): Obecabtagene autoleucel (AUCATZYL®) for the treatment of adult patients with relapsed or refractory B-cell precursor acute lymphoblastic leukaemia. Decision Support Document for the Austrian Appraisal Board 005.

D: IQWIG sieht bei Lecanemab keinen Zusatznutzen bei früher Alzheimer-Krankheit

Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) schließt aus bisher unveröffentlichten Daten, dass Lecanemab keinen nachgewiesenen Vorteil gegenüber dem bestehenden Therapiestandard in Deutschland bietet.

Seit September 2025 ist Lecanemab in Deutschland zur Behandlung der frühen Alzheimer-Krankheit verfügbar. Das Medikament soll das Fortschreiten der Erkrankung bremsen und darf nur bei Erwachsenen eingesetzt werden, die leicht kognitiv beeinträchtigt sind oder an einer leichten Demenz leiden, typische Eiweißablagerungen (Amyloid-Beta-Plaques) im Gehirn aufweisen und höchstens eine Kopie der Genvariante ApoE e4 im Erbgut tragen. Die europäische Zulassungsbehörde hat aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen den Anwendungsbereich von Lecanemab deutlich eingeschränkt.

In einer Nutzenbewertung hat das IQWiG nun untersucht, ob Lecanemab bei diesen Patientinnen und Patienten Vorteile gegenüber dem bisherigen Therapiestandard bietet. Für Betroffene mit leichter kognitiver Störung (engl. mild cognitive impairment, MCI) wurde „beobachtendes Abwarten“ als zweckmäßige Vergleichstherapie festgelegt, auch weil es für diese Gruppe noch keine zugelassenen Arzneimittel gibt. Für Betroffene mit leichter Alzheimer-Demenz ist die Behandlung mit Acetylcholinesterase-Inhibitoren der derzeitige Therapiestandard.

Fazit: Für beide Patientenpopulationen kommt das IQWiG zu dem Ergebnis, dass ein Zusatznutzen von Lecanemab gegenüber dem bisherigen Therapiestandard in Deutschland nicht belegt ist. Die Bewertung stützt sich auf bislang unveröffentlichte Daten, die der Hersteller in seinem Dossier dem IQWiG vorlegen musste. Zuvor waren nur ausgewählte Ergebnisse der zentralen Zulassungsstudie CLARITY AD öffentlich zugänglich, die herausstrichen, dass Lecanemab die kognitive Verschlechterung im Vergleich zur Kontrollgruppe verlangsame. Es fehlten jedoch bislang Daten, die Lecanemab mit dem aktuellen deutschen Therapiestandard (Acetylcholinesterasehemmer) verglichen.

IQWIG: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2025): Lecanemab (frühe Alzheimer-Krankheit); Nutzenbewertung gemäß § 35a SGB V; Dossierbewertung [online]. https://doi.org/10.60584/A25-111.

Cochrane Review: Nützt die HPV-Impfung Frauen nach Konisationen?

Gebärmutterhalskrebs ist die vierthäufigste Krebsart bei Frauen, verursacht durch humane Papillomaviren (HPV). In Deutschland erhalten jährlich rund 25.000 Frauen eine Konisation. Dabei wird das Gewebe mit den virusbedingten Zellveränderungen am Gebärmutterhals kegelförmig entfernt. Ein aktueller Cochrane Review hat untersucht, ob Frauen nach einer Konisation von einer Impfung gegen HPV profitieren.

Obwohl HPV-Infektionen in der Regel von selbst abklingen, können länger bestehende Infektionen mit bestimmten HPV-Typen zu Veränderungen des Drüsengewebes führen. Sie werden als „zervikale intraepitheliale Neoplasie“ (kurz: CIN) klassifiziert. Bei Frauen mit hochgradigen CIN (CIN 2 und CIN 3) wird in der Regel eine Konisation des Gebärmutterhalses vorgenommen, um die Krebsvorstufen zu entfernen. Aber auch wenn die Konisation wirksam ist, haben die betroffenen Frauen ein erhöhtes Risiko, Krebsvorstufen zu entwickeln oder an Krebs zu erkranken.

Die HPV-Impfung ist eine effektive Maßnahme zur Vorbeugung von HPV-bedingtem Krebs. Es ist allerdings unklar, in welchem Ausmaß die Impfung Frauen nach einer Konisation schützt. Der nun vorliegende Cochrane Review hat den Nutzen und die Risiken einer HPV-Impfung untersucht.

Fazit: Frauen, die vor, bei oder nach einer Konisation eine HPV-Impfung erhalten, könnten ein geringeres Risiko für erneute Zellveränderungen (CIN 2+) haben, besonders wenn diese durch die HPV-Typen 16 oder 18 verursacht werden. Für schwerere Veränderungen (CIN 3+) sind die Ergebnisse uneinheitlich und insgesamt unsicher. Auch für andere mögliche Auswirkungen gibt es kaum verlässliche Daten. Um sicherere Aussagen treffen zu können, sind weitere Studien nötig, die prüfen, wie wirksam und sicher die HPV-Impfung als Ergänzung zur Konisation ist. Zukünftige Forschung sollte auch klären, ob der Zeitpunkt der Impfung, eine vorherige Impfung und das Alter der Frauen eine Rolle spielen.

Kapp P, Schmucker C, Siemens W, Brugger T, Gorenflo L, Röbl-Mathieu M, Grummich K, Thörel E, Askar M, Brotons M, Andersen PH, Konopnicki D, Lynch J, Ruta S, Saare L, Swennen B, Tachezy R, Takla A, U?akar V, Vänskä S, Zavadska D, Adel Ali K, Olsson K, Harder T, Meerpohl JJ. Human papillomavirus (HPV) vaccination in women with conisation. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 9. Art. No.: CD016121. DOI: 10.1002/14651858.CD016121. Accessed 25 November 2025. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD016121/full

USA: Industriezahlungen an Mediziner:innen

Finanzielle Zuwendungen der Industrie an Ärzt:innen sind trotz bekannter Risiken für Interessenkonflikte und Vertrauensverlust bei Patient:innen weiterhin weit verbreitet. Als Folge des „Physician Payments Sunshine Act“ werden in den USA seit 2013 Zahlungen der Industrie an Mediziner:innen transparent gemacht. Eine rezente Analyse beleuchtet die Verteilung der Zuwendungen nach Fachgebieten und Produkten.

Die Untersuchung basiert auf Daten der US-amerikanischen Open-Payments-Plattform. Berücksichtigt wurden sowohl Barzahlungen als auch geldwerte Leistungen für Beratungen, Vorträge, Reisen, Verpflegung, Ausbildung, Geschenke, Zuschüsse und Spenden an Ärztinnen und Ärzte. Die Fachgebiete wurden anhand der Health Care Provider Taxonomy klassifiziert. Zusätzlich wurden die 25 Arzneimittel und Medizinprodukte mit den höchsten Gesamtzahlungen identifiziert.

Zwischen 2013 und 2022 wurden mehr als 85 Millionen Zahlungen im Gesamtwert von rund 12 Milliarden US-Dollar an 826.313 Ärztinnen und Ärzte geleistet (57,1 % der Berechtigten). Der Medianbetrag lag bei 48 US-Dollar pro Person, die Verteilung war jedoch stark verzerrt: Die obersten 0,1 % erhielten im Schnitt zwischen 194.933 US-Dollar und 4,83 Millionen US-Dollar. Die höchsten Gesamtsummen mit 1,36 Mrd. gingen in die orthopädische Chirurgie, gefolgt von der Neurologie/Psychiatrie mit 1,32 Mrd. und der Kardiologie mit 1,29 Mrd. US-Dollar. Am wenigsten Geld erhielten Kinderchirurg:innen (2,89 Mio.) und Unfallchirurg:innen (6,96 Mio.).

Die drei Arzneimittel, die mit den höchsten Zahlungen verbunden waren, waren Xarelto® (176,34 Mio.), Eliquis® (102,62 Mio.) und Humira® (100,17 Mio.). Bei den Medizinprodukten standen das Da Vinci Surgical System (307,52 Mio.), Mako SmartRobotics (50,13 Mio.) und CoreValve Evolut (44,79 Mio.) an der Spitze.

Fazit: Die Analyse zeigt deutliche Unterschiede sowohl zwischen den Fachgebieten als auch innerhalb derselben. Besonders auffällig ist die Konzentration hoher Zahlungen auf eine kleine Gruppe von Ärzt:innen. Nach Ansicht der Autor:innen unterstreichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit finanziellen Verflechtungen im Gesundheitswesen.

Ahmed Sayed, MBBS1; Joseph S. Ross, MD, MHS2; John Mandrola, MD3 et al. Industry Payments to US Physicians by Specialty and Product Type. JAMA Published Online: March 28, 2024. 2024;331;(15):1325-1327. doi:10.1001/jama.2024.1989