Newsletter November 2025 | Nr. 242

Editorial: Auswirkungen der US-Politik auf die Literaturrecherche und was wir tun können

Die Literaturrecherche von HTA-Instituten stützt sich zu großen Teilen auf frei zugängliche Datenbanken in den USA. Sollten diese Angebote künftig kostenpflichtig werden, nicht mehr verfügbar sein oder ihre Zuverlässigkeit verlieren, könnte dies erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheitsforschung haben. Um die Abhängigkeit der europäischen Wissenschaftsgemeinschaft zu reduzieren, bedarf es einer nachhaltig finanzierten europäischen Alternative.

Um evidenzbasierte Informationen erstellen zu können, sind HTA-Agenturen wie das IQWiG für Deutschland oder das AIHTA für Österreich auf verlässliche und qualitativ hochwertige Datenbanken angewiesen. Unsere Gutachten sind Grundlage von Systementscheidungen und es ist daher essenziell, dass die zugrunde gelegten Studieninformationen umfassend und aktuell sind. Wir „Information Specialists“, die im IQWiG oder auch im AIHTA für systematische Recherchen zuständig sind, beobachten das Geschehen in den USA seit Anfang des Jahres aufmerksam. Hintergrund sind aktuelle Sorgen über mögliche Einschränkungen infolge restriktiver Entwicklungen in der US-Wissenschaftspolitik sowie finanzieller und personeller Kürzungen durch die neue US-Administration, die den freien Zugang zu essenziellen Recherchequellen wie der bibliografischen Datenbank PubMed (MEDLINE) und des Studienregisters ClinicalTrials.gov. gefährden könnten.

Zusammen mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und Cochrane Deutschland haben wir uns im IQWiG daher gefragt, wie wir uns für den schlimmsten Fall der Fälle vorbereiten können. In einem gemeinsamen Papier haben wir mögliche Strategien entwickelt, wie wissenschaftliche Informationsbeschaffung sichergestellt werden kann, falls die US-Datenbanken PubMed (MEDLINE) und ClinicalTrials.gov, die durch die National Library of Medicine (NLM) bereitgestellt werden, nicht mehr zur Verfügung stehen [1]. Wir möchten auf diesen Fall vorbereitet sein und auf einen Plan B zurückgreifen können. Die Erkenntnisse aus unserer Auseinandersetzung mit diesem Thema haben wir der Wissenschaftscommunity zur Verfügung gestellt.

Wie ist der Stand im Moment?

Aktuell funktionieren die zentralen Services von PubMed und ClinicalTrials.gov, die weitgehend automatisiert stattfinden, noch wie gewohnt. Es lassen sich jedoch bereits leichte Einschränkungen in der Nutzerfreundlichkeit (z. B. kurzzeitige Ausfälle) erkennen [2]. Der Interlibrary Loan Service der NLM steht seit dem Regierungs-Shutdown Anfang Oktober nicht zur Verfügung [3], wodurch die Beschaffung von Volltexten teurer geworden ist. Außerdem wurde über Änderungen beim Indexierungsprozess von Journals in MEDLINE berichtet [3]. Die Auswirkungen sind derzeit unklar.

Was wäre wichtig für die Zukunft?

Spezialisierte Datenbanken wie PubMed haben große Vorteile, von denen unsere Gesundheitssysteme seit Jahrzehnten profitieren. Die starke Abhängigkeit von einzelnen Institutionen oder Organisationen kann jedoch problematisch sein, was sich aktuell sehr deutlich zeigt [4]. Schon 2013 kritisierten Licinio & Wong [5], dass wohlhabende Länder nur sehr wenig zur Finanzierung beitragen. Auch im Jahr 2025 hat sich daran im Hinblick auf PubMed und ClinicalTrials.gov kaum etwas geändert.

In Deutschland gibt es mit dem OLSPub (Open Life Science Publication database project) der ZB Med [6]einen ersten ambitionierten Projektantrag, dies zu ändern. Um der grundsätzlichen Abhängigkeit der Wissenschaftsgemeinschaft entgegenzuwirken, bedarf es jedoch einer nachhaltig finanzierten, europäischen Lösung. Für Österreich beispielsweise könnte auch die Einrichtung eines eigenen nationalen Studienregisters ein recht schnell umsetzbarer möglicher erster Schritt sein.

Mit den neuen KI-Technologien könnte das klassische System von Datenbanken und Wissensmanagement völlig neu gedacht und vereinfacht werden, z. B. über die Auflösung klassischer Suchfunktionen mittels Kombination von Begriffen hin zu semantischen Suchen. Gerade für Europa ist das eine ideale Gelegenheit, gemeinsam mutig und innovativ voranzugehen.

PD DR. Siw Waffenschmidt ist Leiterin des Ressort Informationsmanagements beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen
 

Referenzen

1. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Auswirkungen der US-Politik auf die Literaturrecherche [online]. 2025 [Zugriff: 21.10.2025]. URL: https://www.iqwig.de/presse/im-fokus/us-wissenschaftspolitik/auswirkungen-der-us-politik-auf-die-literaturrecherche/.

2. Bastian H. Tracking Shutdown Impact and Changes at PubMed [online]. 2025 [Zugriff: 13.10.2025]. URL: https://hildabastian.wordpress.com/2025/10/10/tracking-shutdown-impact-and-changes-at-pubmed/.

3. Dyer O. PubMed is running on autopilot during shutdown, but key independent committee has been abolished. BMJ 2025; 391: r2158. https://doi.org/10.1136/bmj.r2158.

4. Valencia A. Decentralized databases in biomedical research: lessons from recent events : The recent shutdown of critical health databases by the US CDC is a wake-up call for the research community about the vulnerability of centralised databases. EMBO Rep 2025; 26(7): 1679-1681. https://doi.org/10.1038/s44319-025-00417-5.

5. Licinio J, Wong ML. Research infrastructure: US shutdown should spur other nations. Nature 2013; 503(7475): 198. https://doi.org/10.1038/503198d.

6. ZB MED. OLSPub - Open life science publication database [online]. 2025 [Zugriff: 21.10.2025]. URL: https://www.zbmed.de/forschen/laufende-projekte/olspub.

Transitionspsychiatrie: Internationale Modelle und Handlungsempfehlungen

Rund ein Viertel aller 10- bis 18-Jährigen in Österreich leidet an einer psychischen Erkrankung. Der Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) zur Erwachsenenpsychiatrie (EP) ist eine sensible Phase, die häufig durch Abbrüche oder Unterbrechungen gekennzeichnet ist. Das AIHTA hat in einer aktuellen Studie internationale Modelle und Strategien der Transitionspsychiatrie systematisch untersucht. Daraus können erste Anknüpfungspunkte für die Weiterentwicklung in Österreich abgeleitet werden.

Internationale Leitlinien und Rahmenwerke stimmen in den wesentlichen Punkten überein: Das frühzeitige Erkennen des Transitionsbedarfs, flexible Altersgrenzen, sektorübergreifende Koordinierung und integrierte Betreuungsplanung sind entscheidende Erfolgsfaktoren für eine gelingende Transition. Partizipative und personenzentrierte Ansätze, Psychoedukation sowie digitale Unterstützung tragen ebenfalls dazu bei, die Kontinuität der Behandlung zu fördern. Zudem ist die Integration von Primärversorgung, Schulen und gemeindenahen Unterstützungsangeboten wichtig, um die Transition in das breitere Umfeld der jungen Menschen einzubetten. Als wesentliche Hindernisse bei der Umsetzung zeigten sich Fachkräftemangel, restriktive Aufnahmekriterien und fragmentierte Finanzierungsstrukturen.

Methodisch basiert der AIHTA-Bericht auf einer strukturierten Dokumentensuche, bei der internationale Leitlinien, Rahmenkonzepte und Strategien identifiziert und anhand einer adaptierten Version von AGREE-II bewertet wurden. Die Daten wurden in einem kombinierten vorab definierten und iterativ ergänzten Rahmen für Themen und Kategorien extrahiert und anschließend narrativ zusammengetragen. Mittels Befragung von Expert:innen wurden die Ergebnisse für den österreichischen Kontext validiert.

In Österreich befindet sich die Transitionspsychiatrie noch in der Aufbauphase. Zwar gibt es Pilotprojekte und lokale Initiativen, doch fehlt es an einem umfassenden nationalen Rahmen. Expert:innen empfehlen eine frühzeitige Einbindung der Betroffenen und Angehörigen, Psychoedukation sowie gemeindenahe Dienste in Form von Tageskliniken und eine begleitende Versorgungsforschung. Zur Stärkung der Zusammenarbeit und der beruflichen Attraktivität werden interdisziplinäre „Transitionsboards” sowie gemeinsame akademische Aus- und Weiterbildungsprogramme vorgeschlagen. Befragte Expert:innen merkten kritisch an, dass die in Österreich seit 2024 bestehende rechtliche Möglichkeit, KJP-Patient:innen über das 18. Lebensjahr hinaus zu behandeln, aufgrund begrenzter personeller Ressourcen häufig nicht umgesetzt werde. 

Fazit: Internationale Rahmenwerke bieten Orientierung, doch kein universelles Modell. Der Bericht des AIHTA liefert Leitprinzipien für die Entwicklung eines kohärenten, jugendzentrierten und evidenzbasierten Rahmens für die Transitionspsychiatrie in Österreich.

AIHTA: Schönegger R., Hidaka Y. (2025): Transitionspsychiatrie: Analyse internationaler Modelle und Handlungsempfehlungen für Österreich. HTA-Projektbericht 177. https://eprints.aihta.at/1574/.

Vorsorgeuntersuchung I: Umbrella-Review und qualitative Befragung zu Lebensstilberatungen

Das Programm der Vorsorgeuntersuchung (VU) der österreichischen Sozialversicherung bietet allen Personen ab 18 Jahren einmal jährlich einen kostenlosen Gesundheitscheck, um Krankheiten frühzeitig zu erkennen und die Gesundheit zu fördern. Das AIHTA wurde beauftragt, die Evidenz von Kurzinterventionen für körperliche Aktivität, gesunde Ernährung und zur Reduktion von Alkoholkonsum systematisch zu ermitteln und die praktische Umsetzbarkeit im Rahmen des VU-Programms zu untersuchen.

Zur Identifizierung von Kurzinterventionen wurde eine systematische Suche in drei Datenbanken (Medline, Embase, The Cochrane Library) durchgeführt. Die Auswahl der Studien erfolgte nach den PICO-Rahmenkriterien; die Qualität wurde mit dem ROBIS-Tool bewertet. Sieben Publikationen zu sechs systematischen Übersichtsarbeiten wurden einbezogen. Für die Beurteilung der praktischen Umsetzbarkeit erfolgte eine qualitative Befragung von Ärztinnen und Ärzten in neun österreichischen Bundesländern.

Drei systematische Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit von Kurzinterventionen zur Förderung von Bewegung zeigten eine Steigerung der selbst berichteten körperlichen Aktivität über einen Zeitraum von 4-12 Wochen, wobei Folgesitzungen wichtiger zu sein schienen als die Sitzungsdauer.

Kurzinterventionen zur gesunden Ernährung – basierend auf einer systematischen Überprüfung von 55 Studien (23.327 Teilnehmer:innen) – ergaben gemischte Ergebnisse: Die Wirksamkeit der Aufklärungsmaterialien allein war begrenzt. In Kombination mit Feedback bzw. maßgeschneiderter Beratung zeigten sich in einigen Studien Verbesserungen beim Obst- und Gemüsekonsum und eine Verringerung der Fettaufnahme.

Vier Übersichtsarbeiten zu Interventionen zum Alkoholkonsum, die sich in Art und Umfang stark unterschieden, wiesen nach 12 Monaten auf gewisse Effekte hin. Kurze Ratschläge schienen am wirksamsten bei der Reduzierung der Menge zu sein, während eine erweiterte motivierende Gesprächsführung bei der Reduzierung der Häufigkeit überlegen war.

Ergänzend zum Umbrella-Review wurden österreichische Allgemeinmediziner:innen mittels Fragebogen nach Herausforderungen bei der Umsetzung von Lebensstilberatungen im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung sowie nach Lösungsansätzen gefragt. 

Fazit: Die Erkenntnisse weisen auf eine potenzielle (kurzfristige) Wirksamkeit von lebensstilbezogenen Kurzinterventionen hin – insbesondere bei Folgesitzungen zur körperlichen Aktivität, maßgeschneidertem Feedback mit Aktionsplänen für eine gesunde Ernährung und motivierenden Gesprächen zur Reduktion des Alkoholkonsums. Es bestehen jedoch – mit Ausnahme des bereits in der VU implementierten AUDIT-Screenings für Alkohol – erhebliche Hindernisse bei der Umsetzung in der österreichischen Primärversorgung. Empfohlen werden u. a. die Erweiterung der Beratung zu körperlicher Aktivität durch Follow-Up-Komponenten, die Etablierung strukturierter Überweisungswege zu Ernährungsspezialist:innen sowie das Schließen der Lücke zwischen bereits implementierten VU-Standards und aktueller Praxis. In einer begleitenden Forschung sollten die langfristige Wirksamkeit bewertet und österreichspezifische Strategien entwickelt werden.

AIHTA: Pleyer J.A., Hofer V., Grabenhofer L. (2025): Inhaltliche Weiterentwicklung der österreichischen Vorsorgeuntersuchung. Kurzinterventionen der Lebensstilberatung: Umbrella Review und Qualitative Befragung. HTA-Projektbericht 170a. https://eprints.aihta.at/1576/.

Vorsorgeuntersuchung II: Vorhersageleistung und Auswirkungen von kardiovaskulären Risikoscores

Kardiovaskuläre Risikoscores – mathematische Modelle, die die Wahrscheinlichkeit eines kardiovaskulären Ereignisses innerhalb eines bestimmten Zeitraums abschätzen – werden international zur Prävention eingesetzt. Das AIHTA hat Risikoprognosemodelle – darunter SCORE2, SCORE2-OP, SCORE2-Diabetes, ARRIBA und PROCAM – systematisch untersucht. Ziel war es, ihre Vorhersageleistung und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten der Bevölkerung zu vergleichen. Zudem wurden Aspekte zur praktischen Umsetzbarkeit im österreichischen Programm der Vorsorgeuntersuchung beleuchtet.

In einer umfassenden Literaturrecherche in Medline, Embase und der Cochrane Library wurden sieben systematische Übersichtsarbeiten und eine Validierungsstudie identifiziert und mittels Handsuche durch fünf europäische Leitlinien ergänzt. Die Studienauswahl, die Datenextraktion und die Qualitätsbewertung wurden unabhängig voneinander von mehreren Autor:innen unter Verwendung der Instrumente ROBIS, PROBAST und AGREE-II durchgeführt. Die Ergebnisse wurden narrativ zusammengefasst.

Die Evidenzsynthese ergab keinen eindeutigen Beleg dafür, dass die Verwendung von kardiovaskulären Risikoscores langfristig zu besseren Gesundheitsergebnissen führt. Es zeigte sich jedoch, dass Risikoscores als wertvolle interaktive Instrumente dienen können, um zu veranschaulichen, wie Lebensstiländerungen oder pharmakologische Interventionen das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen können. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer personalisierten Risikobewertung, einer kontinuierlichen Modellverfeinerung und einer regelmäßigen Neukalibrierung, was zu praktischen Herausforderungen bei der Umsetzung im Kontext der Vorsorgeuntersuchung führt.

Fazit: Insgesamt reichen die verfügbaren Daten nicht aus, um die Verwendung eines bestimmten Risikoscores eindeutig zu empfehlen oder abzulehnen. Es zeigt sich ebenfalls, dass kein einzelner Score für alle Patient:innenpopulationen der Vorsorgeuntersuchung geeignet ist. Die verbindliche Aufnahme eines Risikoscores in die Vorsorgeuntersuchung würde begleitende Maßnahmen, wie Schulungen, multidisziplinäre Zusammenarbeit, definierte Versorgungswege nach der Risikobewertung sowie Begleitforschung erforderlich machen. Eine Pilotierung und umfassende Evaluation wären vor einer flächendeckenden Implementierung notwendig.

AIHTA: Grabenhofer L., Giess D., Pleyer J.A., Hofer V. (2025): Inhaltliche Weiterentwicklung der österreichischen Vorsorgeuntersuchung. Scores zu Prognose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Eine systematische Übersichtsarbeit. HTA-Projektbericht 170b. https://eprints.aihta.at/1577/.

Vorsorgeuntersuchung III: Nutzen von Screening auf chronische Nierenerkrankung

Chronische Nierenerkrankungen (Chronic Kidney Disease = CKD) sind häufig und bleiben oft lange unentdeckt. Sie sind mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vorzeitiger Sterblichkeit und eingeschränkter Lebensqualität verbunden. Eine frühzeitige Erkennung kann das Fortschreiten und Komplikationen verhindern. Ein aktueller Bericht des AIHTA fasst die Evidenz aus systematischen Übersichtsarbeiten und Leitlinien zu Nutzen und Empfehlungen eines CKD-Screenings zusammen und ordnet die Ergebnisse in den Kontext der österreichischen Vorsorgeuntersuchung ein.

Chronische Nierenerkrankungen sind ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das häufig erst in einem späten Stadium erkannt wird. Ohne Behandlung können sie zu Nierenversagen führen und eine Dialyse oder Nierentransplantation erforderlich machen. Im Rahmen des Berichts wurden drei systematische Übersichtsarbeiten und fünf Leitlinien identifiziert, um den Nutzen eines CKD-Screenings und relevante Zielgruppen zu bewerten sowie Hinweise für die Weiterentwicklung der österreichischen Vorsorgeuntersuchung zu geben.

Die Ergebnisse zeigen, dass chronische Nierenerkrankungen, Nierenfunktionsstörungen und frühe Anzeichen von Nierenschäden im Rahmen von Screenings in der Primärversorgung erkannt werden können, insbesondere bei Personen mit Risikofaktoren wie Diabetes oder Bluthochdruck. Allerdings beruhen die meisten Studien auf Surrogatparametern und es liegen nur wenige Daten zu langfristigen oder patient:innenrelevanten Ergebnissen vor. Zu den wichtigsten Einschränkungen zählen kurze Beobachtungszeiträume, uneinheitliche Diagnosekriterien und fehlende Bestätigung der Chronizität, was die Zuverlässigkeit der Diagnose und ihre Übereinstimmung mit den Kriterien aktueller Leitlinien einschränkt. Aktuelle Leitlinien empfehlen ein gezieltes Testen von Risikogruppen, nicht jedoch ein routinemäßiges Screening der Allgemeinbevölkerung.

Fazit: Eine stärkere Sensibilisierung für chronische Nierenerkrankungen und die konsequentere Umsetzung leitlinienbasierter Testverfahren könnten die Früherkennung verbessern. Ein strukturiertes, risikobasiertes Screening im Rahmen präventiver Programme wäre denkbar, während eine flächendeckende Umsetzung derzeit nicht durch ausreichende Evidenz gestützt wird.

AIHTA: Giess D., Mayer-Ferbas J. (2025): Screening auf chronische Nierenerkrankungen (CKD). HTA-Projektbericht 170c. https://eprints.aihta.at/1573/.

Vorsorgeuntersuchung IV: Factsheets zu Screenings auf Prostatakrebs, Lungenkarzinom und Abdominales Aortenaneurysma

Das AIHTA hat Factsheets zu Screenings auf Prostatakrebs, Lungenkarzinom und Abdominales Aortenaneurysma (AAA) erstellt. Es handelt sich dabei um Untersuchungen, die derzeit nicht in der österreichischen Gesundheitsvorsorge integriert sind. Ziel war es, die Evidenzlage zu den jeweiligen Screening-Strategien anhand rezenter HTA-Berichte zu bewerten sowie aktuelle Leitlinienempfehlungen zusammenzufassen und die Ergebnisse übersichtlich darzustellen. Die Factsheets dienen als evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage für die österreichische Vorsorgeuntersuchung.

Laut den gesichteten HTA-Berichten und den meisten internationalen Leitlinien ist die aktuelle Evidenz für eine Empfehlung für ein allgemeines PSA-Screening unzureichend. Den Vorteilen der potenziellen Reduktion der prostatakrebsspezifischen Mortalität sowie der frühzeitigen Diagnose metastasierender Karzinome stehen Überdiagnosen, falsch positive Tests und Schäden durch unnötige Biopsien oder Behandlung gegenüber. Einige Leitlinien sprechen sich daher für ein risikobasiertes Screening in ausgewählten Altersgruppen aus, statt für ein bevölkerungsweites Screening. Zu beachten ist, dass derzeit Aktualisierungen der Empfehlungen durch die USPSTF und den UKNSC in Arbeit sind; nach deren Veröffentlichung sollten diese neuen Einschätzungen berücksichtigt werden.

Das Low-Dose-Computer-Tomografie (LDCT)-Screening senkt die lungenkrebsspezifische Mortalität bei ehemaligen starken Raucher:innen nachweislich und es gibt Hinweise auf die Reduktion der Gesamtmortalität. Dem potenziellen Nutzen stehen jedoch Risiken wie Überdiagnosen, falsch positive Befunde, Strahlenbelastungen sowie unklare Konsequenzen von Zufallsbefunden gegenüber. Alle gesichteten Leitlinien empfehlen ein LDCT-Lungenscreening, unterscheiden sich jedoch in den konkreten Risikokriterien für die Teilnahme. Übereinstimmend betonen sie, dass ein Screening nur dann sinnvoll ist, wenn es in gut organisierten Programmen stattfindet, die eine verlässliche Risikoeinschätzung, klare Befundabläufe und Angebote zur Rauchentwöhnung bieten.

Das abdominale Aortenaneurysma (AAA) stellt eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung dar, bei der es zu einer Erweiterung der Bauchschlagader kommt. Ultraschallbasiertes Screening bei Männern ab 65 Jahren senkt nachweislich die AAA-spezifische Mortalität und Rupturrate, hat jedoch keinen langfristigen Einfluss auf die Gesamtmortalität. Die Evidenz hinsichtlich der gesundheitsbezogenen Lebensqualität sowie der psychosozialen Auswirkungen einer Diagnose bleibt begrenzt und unsicher. Es besteht ein Risiko für Überdiagnosen und daraus resultierende Überbehandlungen. In der vorliegenden Recherche wurden keine HTA-Berichte zum AAA-Screening bei Frauen identifiziert. Leitlinien empfehlen größtenteils ein Screening von Männern ab 65 Jahren, insbesondere für Raucher:innen und Personen mit positiver Familienanamnese. Einige Leitlinien sprechen sich zudem für ein selektives Screening von Frauen bei klar definierten Risikokonstellationen aus.

AIHTA: Giess, D. und Mayer-Ferbas, J. (2025): PSA-basiertes Screening zur Früherkennung von Prostatakarzinomen. VU Fact Sheet 01. https://eprints.aihta.at/1590.

AIHTA: Giess, D. und Mayer-Ferbas, J. (2025): Low-Dose-Computer-Tomography (LDCT) Screening zur Früherkennung von Lungenkarzinomen. VU Fact Sheet 02. https://eprints.aihta.at/1591.

AIHTA: Giess, D. und Mayer-Ferbas, J. (2025): Ultraschallbasiertes Screening auf Abdominales Aortenaneurysma (AAA). VU Fact Sheet 03. https://eprints.aihta.at/1592.