Editorial: Astronomische Medikamentenpreise: der öffentliche Unwillen steigt
Schon seit Jahren findet die Preisbildung neuer Medikamente völlig unabhängig von deren Herstellungskosten (öffentliche oder private Förderungen für Grundlagenforschung & Entwicklung, klinische Studien, Produktionskosten) statt, sondern „Wert-basiert“ (value-based, ein euphemistischer Begriff für Maximalprofit-Orientierung) – also den fiktiven Annahmen, was ein Medikament der Gesellschaft wert sein sollte. Ein rezenter niederländischer Bericht des Wissenschaftlichen Instituts SOMO zur Erforschung multinationaler Konzerne befasste sich im Detail mit den öffentlichen (holländischen) Beiträgen zur Erforschung von Arzneimitteln entlang der gesamten Herstellungskette. Ein TV-Film des Schweizer Senders SRF zeigt in Bildern und Worten, was die astronomischen Medikamentenpreise für einzelne betroffene PatientInnen und das öffentliche Gesundheitssystem bedeuten. Ein offener Brief der Europäischen Public Health Allianz (EPHA), unterzeichnet von über 40 öffentlichen Institutionen im Gesundheitsbereich, fordert die Europäische Kommission auf, stärker die öffentlichen Interessen zu schützen und fordert eine völlige Offenlegung der öffentlichen Beiträge für Arzneimittel F&E und das Einbringen von Bedingungen für sozialverträgliche Preisbildung.
Der SOMO-Bericht zeigt im Detail, dass neben den öffentlichen Beiträgen zur Grundlagenforschung, große öffentliche Summen für angewandte Forschung, Forschung zur Arzneimittelentwicklung bis zur Erprobung in klinischen Studien, Venture Capital Fonds (Gelder für und Investitionen in kleinere Biotech-Unternehmen), Public-Private Partnerships (PPP), Darlehen und Steuerbegünstigungen aufgewendet werden. Da gerade in den frühen Stadien und in der prä-klinischen Testung das Risiko zu scheitern besonders hoch ist und private Investoren unwillig sind, ihr Geld dort zu investieren, werden diese Stadien fast ausschließlich durch öffentliche Gelder finanziert. Einige große Pharmafirmen haben schon vor vielen Jahren begonnen, ihre eigenen Forschungsstätten zu schließen oder öffentlich weniger risikoreiche geförderte PPP einzugehen und statt dessen – analog zu Head-Huntern – akademische Institutionen und kleine Biotech-Firmen nach nutzbaren Ergebnissen zu scannen, monitoren und aufzukaufen. Die Strategie ist statt „research & development“ ein „search & development“ zu forcieren. SOMO zeigt anhand von vier akribisch recherchierten Fallbeispielen die öffentlichen Beiträge bei der Arzneimittelentwicklung auf:
Acalabrutinib/Calquence® zur Behandlung von MCL/Mantelzell-Lymphom, CLL/chronisch lymphatischer Leukämie sowie SLL/ kleinzelligem lymphozytischem Lymphom (SLL) von AstraZeneca: das Medikament wurde vom kleinen Biotech Unternehmen Acerta Pharma in der Provinz Brabant entwickelt, später (Oktober 2019) von AstraZeneca übernommen. Acerta Pharma wurde großzügig durch öffentliche Venture Capital Fonds und Regionalförderungen unterstützt und hält seit 2016 „orphan drug designation“ (Steuerbegünstigungen) der European Medicines Agency (EMA). In den USA wird Calquence® bereits für $ 15.000 pro Behandlungsmonat vermarktet.
ATIR101 zur einmaligen Behandlung nach haploidentischer Stammzelltransplantation von Kiadis Pharma: Kiadis Pharma, ein Biotech Unternehmen, wurde ebenfalls durch Venture Capital Fonds und Regionalförderungen unterstützt, bevor es sich – bereits bei der EMA zum „conditional approval“ eingereicht - entschloss ATIR101 nicht weiter zu verfolgen, trotzdem der Kiadis CEO von „blockbuster potential“ sprach. Es wurde ein Preis von € 175.000 bis 200.000 angenommen.
Pembrolizumab/Keytruda®, ein PD-1-Inhibitor zur Behandlung verschiedener Tumoren von Merck/MSD: Pembrolizumab wurde in holländischen Universitäten und dem „Dutch Cancer Institute“ (Ko-Inventor und Patenhalter des ersten Checkpoint Inhibitors) entwickelt (Grundlagenforschung und präklinische Forschung), später vom Pharmaunternehmen Organon übernommen und in PPP weiterentwickelt. Auch ein großer Anteil an klinischen Studien wurde öffentlich finanziert. Basierend auf Informationen aus Clinical Trials Registern entsteht der Eindruck, dass mehr als die Hälfte der mehr als 800 klinischen Studien von öffentlichen akademischen Institutionen initiiert und entweder vollständig (35-37%) oder großteils öffentlich gesponsert wurden. Pembrolizumab ist ein Blockbuster von MSD und wurde 2018 um $ 7,2 Milliarden verkauft (im Vergleich 2017: $ 3,4 Milliarden). Eine Behandlung mit Pembrolizumab kostet rund € 100.000 pro Jahr.
Lutetium (177Lu) Oxodotreotid/Luthatera®, ein Radiopharmakon zur Behandlung von Neuroendokrinen Tumoren (NET) von Novartis: das Medikament wurde an der Medizinischen Fakultät an der Erasmus Universität in Rotterdam entwickelt und zunächst in den Spitälern selbst hergestellt (Herstellungspreis € 4.000 pro Infusion). Von Novartis aufgekauft und produziert, erhöhte sich der Preis um das 5-Fache (€ 23.000 pro Infusion).
Der SOMO Bericht legt nicht nur Daten und Fakten vor, die für sich sprechen, sondern zeigt höchst anschaulich die Inkohärenz öffentlicher Politiken: Förderungsinstrumente für Wirtschafts- und Standortpolitik vs. Mangel an Politiken für eine nachhaltige Finanzierung des öffentlichen Gesundheitswesens. In einem offenen Brief an die Europäische Kommission haben im Dezember 2019 mehr als 40 öffentliche Institutionen im Gesundheitsbereich Forderungen formuliert, öffentliche Interessen stärker in den Mittelpunkt von Politiken zu stellen: eine Prioritäten-Setzung bei Gesundheitsforschung, die vom Public Health Bedarf (nicht von potentiellen Gewinnmargen) ausgeht, transparente und ausgeglichene Führungs- und Steuerungsstrukturen (für F&E im Gesundheitsbereich), ein „Public return on public investment“ zur Absicherung eines gerechten Zugangs zu öffentlich geförderten Forschungsergebnissen, Transparenz jeglicher Forschungsförderungen und „Open Science“ etc. Das LBI-HTA hat diesen Brief mitunterzeichnet.
Priv. Doz. Dr. Claudia Wild, Leiterin des LBI-HTA (und designierte Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) ab März 2020)
Referenzen:
SOMO Juni 2019, Overpriced - Drugs Developed with Dutch Public Funding. https://www.somo.nl/wp-content/uploads/2019/05/Report-Overpriced-def.pdf
Protect the public interest in EU health research, Nov 2019: https://epha.org/protect-the-public-interest-in-eu-health-research/
TV-Film, Juni 2019: https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/profit-oder-leben----wenn-das-gesundheitswesen-an-die-grenze-geht?id=2d25af65-8632-4394-91e1-8ca5599b44bf
Mindestmengen als Qualitätssicherungskriterium in der Tageschirurgie
In Österreich ist derzeit eine schrittweise Verlagerung von stationären Leistungen in den ambulanten Bereich auf tageschirurgischer Basis zu beobachten. Eine mögliche Maßnahme zur Qualitätssicherung für tageschirurgische Eingriffe stellen Mindestmengen (MM) – auf Englisch Minimum Volume Standards – dar. MM für tageschirurgische Interventionen im ambulanten Setting können möglicherweise eine Ergänzung zu den allgemein angewandten und aktuell entwickelten Qualitätsstandards darstellen. Die Theorie und empirischen Befunde zu MM sind teilweise umstritten. Allerdings bieten implementierte evidenzbasierte MM für ausgesuchte tageschirurgisch durchführbare Interventionen auch Chancen, sofern sämtliche mögliche (negative) Konsequenzen berücksichtigt werden und alle im Gesundheitssystem relevanten Beteiligten in einen transparenten Entscheidungsprozess miteinbezogen werden.
Vor diesem Hintergrund unterzog das Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment in einem aktuellen Bericht das Instrumentarium Mindestmengen zur Qualitätssicherung tageschirurgischer Leistungen einer kritischen Analyse. Während der Großteil der Forschung in diesem Kontext einen positiven Zusammenhang in Form von statistischer Korrelation zwischen Leistungsmenge und Operationsergebnis beobachten kann, ist die Verfügbarkeit von Daten über spezifische und evidenzbasierte MM-Schwellenwerte gering. Bislang lag der Fokus der Forschung auf komplexen und risikoreichen Operationen, die überwiegend im stationären Bereich durchgeführt werden. Ziele des vorliegenden Berichts waren Grundlagen der MM-Theorie aufzuzeigen, die Tageschirurgie bzw. ambulantes Operieren zu definieren, etwaige international implementierte MM-Modelle in der Tageschirurgie zu erfassen, und im Zuge einer systematischen Übersichtsarbeit zu überprüfen, ob MM für spezifische tageschirurgische Leistungen zu besseren Ergebnissen hinsichtlich der Wirksamkeit und Sicherheit führen.
Zur Beurteilung der klinischen Wirksamkeit erfüllten acht Studien mit sieben verschiedenen Interventionen die Einschlusskriterien. Die Interventionen wurden nicht vordefiniert, sondern auf Grundlage der systematischen Literaturrecherche identifiziert. Die Indikationen sind Schilddrüsenoperation (Thyreoidektomie), Kataraktoperation, primäre Hüftarthroskopie, offene Karpaltunnelspaltung, Reparatur der Rotatorenmanschette, Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes (LCA) und Meniskektomie. Die berichteten Daten hinsichtlich der Sicherheit wurden in den Studien nicht mit der Leistungsmenge in Bezug gesetzt. Weitere Kapitel des Berichts widmeten sich der aktuellen Nutzung von MM mit einem besonderen Fokus auf den deutschen Kontext und der Definition des tageschirurgischen Settings.
Zusammenfassend zeigt der Bericht, dass die Theorie zu MM teilweise hinterfragt wird und auch die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit können keine eindeutigen MM-Schwellenwerte bieten. Der vorliegende Bericht liefert jedoch einige Belege zu Gunsten von MM. Vor diesem Hintergrund sollte allerdings die Anwendung von MM gut konzipiert und bis zum Ende gedacht werden. D.h. mögliche Konsequenzen von MM müssen berücksichtig werden. Beispielsweise sollten bei einer möglichen Leistungszentralisierung durch MM die Versorgungssicherheit mitgedacht und bestehende, gut funktionierende Versorgungsnetzwerke berücksichtigt werden. Außerdem ist es essentiell, Ausnahmeregelungen bei (nicht beabsichtigter) Nicht-Einhaltung der MM zu definieren. Zudem sollten bei einer Entscheidung über Qualitätsverbesserungen auch andere Qualitätssicherungsmaßnahmen – wie Standards, die sich auf weitere strukturelle Qualitätsfaktoren oder auf die Prozess- und Ergebnisqualität konzentrieren – berücksichtigt werden. CS
LBI-HTA/AT 2019: Mindestmengen als Qualitätssicherungskriterium in der Tageschirurgie: Grundlagen und systematische Übersichtsarbeit. LBI-HTA-Projektbericht Nr.: 125. https://eprints.aihta.at/1225/
Kinder- und Jugendrehabilitation in Österreich: Eine Übersicht zu bestehenden Evaluierungsmethoden und –Ergebnissen
Bis vor wenigen Jahren gab es in Österreich keine speziell für Kinder und Jugendliche konzipierten Reha-Zentren. Durch den Anstieg an chronischen Krankheiten wie Adipositas, Diabetes oder psychischen Erkrankungen gewinnen jene allerdings zunehmend an Bedeutung. In Österreich äußert sich das in der Errichtung von sechs stationären Kinder- und Jugend-Reha-Zentren in vier Versorgungszonen. (Das Zentrum in der Versorgungszone West befindet sich aktuell noch in der Planungsphase). Insgesamt 343 Betten für elf Indikationsgruppen und zusätzlich 50 Betten für Angehörige stehen zur Verfügung. Die neu errichteten Reha-Zentren sollen regelmäßig evaluiert werden.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit des Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment untersuchte im Zuge dessen sowohl international angewendeten Evaluierungsmethoden (inklusive den zu evaluierenden Endpunkten und dafür verwendeten standardisierten Messinstrumenten) als auch die Evaluierungsergebnisse. Insgesamt wurden acht generische Endpunkte in 18 internationalen Studien erhoben: psychische Befindlichkeit, Lebensqualität, wahrgenommene Veränderungen z.B. der Symptomatik, Reha-Zufriedenheit, Selbstmanagement/-wirksamkeit, Selbstwert, Funktionalität und Fehltage. Für die Erhebung der Endpunkte wurden unterschiedliche standardisierte Messinstrumente verwendet - beispielsweise der SDQ-Fragebogen für die Messung der psychischen Befindlichkeit bzw. der KINDL®-Fragebogen für die Evaluierung der Lebensqualität. Darüber hinaus wurden in den Studien indikationsspezifische Endpunkte zu fünf Indikationen (Schädelhirntrauma, Adipositas, Diabetes, Neurodermitis und Essstörungen) identifiziert. Die Evaluierungsergebnisse der 18 eingeschlossenen Studien ergaben heterogene Ergebnisse zu drei generischen Endpunkten (psychischen Befindlichkeit, Lebensqualität und Selbstmanagement/-wirksamkeit), wohingegen die Ergebnisse zu den übrigen generischen und indikationsspezifischen Endpunkten insgesamt positiv ausfielen.
Zusammenfassend zeigte die Übersichtsarbeit auf, dass die Auswahl der Messinstrumente für die Evaluierung von generischen Endpunkten wesentlich von den Rahmenbedingen der Evaluation, d.h. der Indikationsgruppe, der Selbst- vs. Fremdbeurteilung (z.B. durch die Eltern), der Sprache und der Durchführungsdauer abhängen. Vor der konkreten Auswahl eines Instruments sollte jedoch stets die psychometrische Gültigkeit (Reliabilität, Validität und Normierung) des Instruments überprüft werden. Darüber hinaus wird neben der generischen Perspektive bei einer Evaluierung die Erfassung von krankheitsspezifischen Endpunkten empfohlen. SW
LBI-HTA/AT 2019: Kinder- und Jugendrehabilitation in Österreich: Eine systematische Analyse von Evaluierungsmethoden. LBI-HTA Projektbericht Nr.: 122. https://eprints.aihta.at/1222/
Zervixkarzinom Prävention: Implementierung eines HPV-Screening-Tests in die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs
Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass Gebärmutterhalskrebs ursächlich mit einer persistierenden Infektion mit bestimmten, sogenannten Hoch-Risiko-Typen, des humanen Papillomavirus (HPV) zusammenhängt. Deshalb wurden zahlreiche Testsysteme entwickelt, welche eine HPV-Infektion in entnommenen Zellen der Zervix feststellen können. Ein kürzlich erschienener Bericht des LBI-HTA ging der Frage nach, auf welche Weise ein HPV-Test in das österreichische System der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung implementiert werden könnte.
In Österreich wird seit den 1970-er Jahren der Pap-Test als primärer Screeningtest verwendet. Dabei werden entnommene Zellen der Zervix fixiert, gefärbt und unter dem Mikroskop auf morphologische Veränderungen hin untersucht. Ein Überblick über die vorhandene internationale Evidenz belegt jedoch eindrucksvoll, dass ein HPV-Test in der Detektion von Krebsvorstufen um über 50% sensitiver als ein vergleichbarer Pap-Test sein kann. Das bedeutet, er kann bestehende Läsionen häufiger korrekt identifizieren. Gleichzeitig kann die Spezifität eines HPV-Test jedoch um bis zu 10% niedriger sein als ein vergleichbarer Pap-Test - d.h. ein HPV-Test kann zu mehr falsch-positiven Ergebnisse führen. Diese Ergebnisse sind unabhängig davon, ob der HPV-Test als alleiniger Primärtest (anstelle des Pap-Tests), in Kombination mit einem gleichzeitig durchgeführten Pap-Test oder als Abklärungstest (nach einem auffälligen Resultat im Pap-Test) eingesetzt wird. Aufgrund der höheren Detektionsrate von Krebsvorstufen bei der Verwendung eines primären HPV-Screeningtests kommt es in Folge zu einer Reduktion der Neuerkrankungen ab dem zweiten (d.h. nachfolgenden) Screening. Zudem ist ein negatives HPV-Testergebnis mit einem deutlich geringeren Risiko an präkanzerösen Läsionen bzw. Tumoren zu erkranken verbunden als ein negatives zytologisches Ergebnis. Dadurch kann das entsprechende Screeningintervall bei einer negativen HPV-Testung auf bis zehn Jahre ausgedehnt werden.
Zu den wichtigsten internationalen Empfehlungen bei Verwendung eines primären HPV-Screeningtests zählt zudem jene der Etablierung eines organisierten, bevölkerungsbezogenen Screening- bzw. Früherkennungs-Systems mit dem Ziel, möglichst alle Frauen zu erreichen. Österreich zählt zu den wenigen Ländern der EU, in denen ein opportunistisches System, welches auf Eigeninitiative der Frau bzw. des behandelnden Arztes/der behandelnden Ärztin beruht, angewendet wird. Damit wird die Überversorgung mancher Frauen in Kauf genommen (d.h. der Screeningtest wird öfter durchgeführt als aufgrund wissenschaftlicher Evidenz empfohlen), während gleichzeitig eine Unterversorgung anderer Bevölkerungsteile stattfindet. Denn: Viele Frauen gehen zu selten bzw. gar nicht zur Vorsorgeuntersuchung.
Da die Umstellung auf ein organisiertes Screeningsystem mit einem Mehraufwand verbunden ist, enthält der Bericht überdies eine Abschätzung der Budgetfolgen von sieben vorab ausgewählten Screeningstrategien. Dabei zeigte sich, dass das derzeitige System (opportunistisches System, Pap-Test ab 18 Jahren, 1x pro Jahr) die günstigste Variante darstellt; als teuerste Variante wurde die Ko-Testung im opportunistischen System (ebenfalls ab 18 Jahren, 1x pro Jahr) identifiziert. Weitere HPV-basierte Varianten wurden berechnet. EF
LBI-HTA/AT 2019: Zervixkarzinom Prävention – Implementierung eines HPV-Screening-Tests für die Früherkennung eines Gebärmutterhalskrebses bei Frauen in Österreich. HTA-Projektbericht Nr.: 121. https://eprints.aihta.at/1223/
Point of Care Tests: D-Dimer und Troponin
Biomarker Testungen können wichtige Erkenntnisse innerhalb eines diagnostischen Pfads einer Krankheit liefern – Testungen der Troponine und D-Dimere etwa bei Verdacht auf kardiopulmonäre Erkrankungen. Neben Zentrallabors können sogenannte Point-of-Care Tests (POCTs) verwendet werden. Zentrallabors liefern zwar gemeinhin genaue Ergebnisse, jedoch ist die Testung zeitaufwändiger bzw. in manchen Settings gar nicht verfügbar. Potentielle Vorteile von POCT leiten sich aus der schnelleren Bearbeitungszeit (engl. Turnaroundtime = TAT) ab. Ein rezenter EUnetHTA/LBI-HTA Bericht konnte einen eindeutigen klinischen Nutzen der Implementierung solcher Tests (etwa bzgl. Patientenmanagement, Mortalität und Lebensqualität) nicht bestätigen: Die verfügbare Evidenz reichte nicht aus, um eine Nicht-Unterlegenheit der POCTs im Vergleich zur Zentrallabortestung und eine klare Überlegenheit der POCTs im Vergleich zur Standardversorgung zu belegen. Weitere Versorgungsforschung ist jedoch notwendig, um den Nutzen spezifischer Tests umfassend einschätzen zu können.
Tn-POCT und D-Dimer POCT können zur Unterstützung der Diagnose eines akuten Koronarsyndrom (ACS) bzw. einer venösen Thromboembolie (VTE) verwendet werden. Für eine ACS-Diagnose ist der Zeitfaktor entscheidend: Deshalb sollen Tn-POCTs v.a. besonders dort von Bedeutung sein, wo Troponin-Tests in einem Zentrallabor nicht vor Ort oder nicht 24 Stunden am Tag verfügbar sind. D-Dimer POCT soll beispielsweise bei der Hausärztin/dem Hausarzt zum Einsatz kommen, vorwiegend um unnötige Krankenhauseinweisungen/weitere Testungen zu reduzieren.
Deshalb wurde untersucht, wie diese Tests derzeit zum Einsatz kommen (sollen) und, welchen Vorteil eine Implementierung für das österreichische Gesundheitswesen in unterschiedlichen Settings haben könnte. Hierfür wurden zwei Leitliniensynopsen und systematische Übersichtsarbeiten durchgeführt und ExpertInnen befragt. Derzeit sind eine Vielzahl an heterogenen POC Diagnostika verfügbar (n=26), die sich hinsichtlich ihrer technologischen Charakteristika sowie ihrer diagnostischen Performanz stark unterscheiden. Welche davon derzeit in Österreich zum Einsatz kommen, ist jedoch unklar.
Bei der Bewertung des klinischen Nutzens der Implementierung von Tn-POCT (Evidenz in Form zweier systematischer Übersichtsarbeiten von moderater-hoher Qualität) konnte keine Nicht-Unterlegenheit gegenüber Zentrallabortestung (CL) nachgewiesen werden – wenn CL-Tests vor Ort rechtzeitig verfügbar sind (z.B. in der Notfallambulanz). Auch im Vergleich zur üblichen Versorgung in Settings ohne oder mit verzögerter CL-Testung (z.B. bestimmte ambulante Einrichtungen, präklinische Notfallmedizin) konnte keine deutliche Überlegenheit festgestellt werden. Des Weiteren zeigte die Leitliniensynopse, dass keine spezifischen Empfehlungen zu Schwellenwert, optimaler Zeitpunkt der Nutzung und dergleichen abgegeben wurden. Es gab jedoch eine konsistente Empfehlung für Tn-POCT von zwei Leitlinien in Situationen, wo eine rasche „Turnaround-Zeit“ (<1 Stunde) nicht eingehalten werden kann. Auch die befragten ExpertInnen stimmten dieser Empfehlung zu – ein Experte bezweifelte jedoch das Auftreten solcher Szenarien in Österreich.
Auch bei der Evaluierung von D-Dimer POCT mangelte es an zuverlässigen und qualitativ hochwertigen Nachweisen für die Nicht-Unterlegenheit gegenüber CL-Tests und für die Überlegenheit gegenüber der üblichen Versorgung (ohne sofortige CL-Tests) in der Notfallversorgung oder ambulanten Versorgung (insb. AllgemeinmedizinerInnen und FachärztInnen). Allerdings führt die Kombination von D-Dimer POCT (insbesondere der quantitativen Testungen) mit einer klinischen Entscheidungsregel (z.B. durch die Hausärztin/den Hausarzt) bei oligosymptomatischen PatientInnen (mit geringer Wahrscheinlichkeit) zu einer genaueren Diagnose der venösen Thromboembolie (im ambulanten Setting). Die Leitliniensynopse zeigte, dass D-Dimer POCT als Ausschlussdiagnostik verwendet werden kann. Jedoch waren die Empfehlungen inkonsistent hinsichtlich der relevanten Settings und in Bezug auf die Rolle qualitativer D-Dimer POCTs. Auch die österreichischen ExpertInnen waren sich hinsichtlich des Nutzens der D-Dimer POCTs uneins: Während zwei der ExpertInnen sich eher kritisch zum D-Dimer POCT im niedergelassenen Bereich positionierten, wies eine Expertin D-Dimer POCT eine unentbehrliche Rolle zu. Ihrer Einschätzung nach verfügen HausärztInnen über die entsprechende Expertise für die richtige Anwendung von D-Dimer POCT.
In Anbetracht der Evidenzlage und der Settingabhängigkeit solcher Tests ist zu konstatieren, dass eine sorgfältige wissenschaftliche Evaluierung vor der Implementierung kommen muss. Daher ist es notwendig, weitere konkrete Anwendungsforschung zu spezifischen POCT Diagnostika, die in Österreich tatsächlich zum Einsatz kommen, durchzuführen. Die Versorgungsforschung kann dabei gezielt eingesetzt werden, um den klinischen Nutzen der beiden POCTs in unterschiedlichen österreichischen Settings umfassend zu überprüfen. GG
LBI-HTA/AT 2019: POCT/ Point of Care Tests: D-Dimer und Troponin. HTA-Projektbericht Nr.: 124. https://eprints.aihta.at/1224/