Newsletter Februar 2024 | Nr. 224

Editorial: Advanced Practice Nursing (APN): Kompetenz, Leadership, Karriere

Was international schon seit Jahrzehnten im Gesundheitswesen etabliert ist, findet seit einigen Jahren auch in Österreich Anklang: die erweiterte und vertiefte Pflegepraxis, „Advanced Nursing Practice (ANP)“ genannt. Hochkompetente spezialisierte Pflegekräfte ergänzen und optimieren die Versorgung der Bevölkerung in Zusammenarbeit mit den etablierten Gesundheitsprofessionen in Österreich. Nicht zuletzt ist ein neues Karrieremodell, das die Attraktivität des Pflegeberufes steigert, etabliert.

„Community Health Nurses“, „Cancer Nurses“, „Diabetic Care Nurses“, „Respiratory Nurses“ oder „Cardiac Nurses“ sind nur einige von vielen Rollen der Advanced Practice Nurse. Expert*innen gibt es in den Gesundheitsorganisationen viele, aber diese Rolle hebt sich durch die hohe Kompetenz, die sowohl durch Berufserfahrung in der Praxis als auch durch Ausbildung an Hochschulen (meist Master oder Doktorat) erworben wird, ab. Advanced Practice Nurses arbeiten in der direkten Patient*innen-Behandlung, definiert durch eine hohe Komplexität der Versorgungsstruktur. Organisationsintern und auch in der Freiberuflichkeit übernehmen sie das pflegerische fachliche Leadership. Vielfältige internationale Forschungsergebnisse zeigen positive Effekte in Bezug auf Patient*innen-Outcomes und Teamentwicklung. Da in Österreich in der Pflege eine zunehmende Verschiebung im „Skill und Grade Mix“ in Richtung Minderqualifizierung zu beobachten ist, ist die Etablierung der Rolle zudem eine conditio-sine-qua-non für die Sicherung der Pflegequalität.

Obwohl die Etablierung von APNs in Österreich an Fahrt aufgenommen hat, ist die Rolle in der Bevölkerung und bei verwandten Berufsgruppen weitestgehend unbekannt. Advanced Practice Nursing als mannigfaltige Ausformung von Pflege stellt eine neuartige Herausforderung, manchmal auch Verunsicherung dar. Wie kann die Rolle in den eigenen Reihen etabliert werden, welche Rahmenbedingungen sind zu schaffen – mit diesen Fragen beschäftigen sich Pflegemanager*innen aller Settings. Aus diesem Grund initiierte das Forum ANP Austria – eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Ziel, ANP in Österreich langfristig zu etablieren und einen breit aufgesetzten Dialog zu führen: An die 300 unterschiedlichen Expert*innen der Pflege, Führungskräfte, Pflegewissenschaftler*innen und Pädagog*innen diskutierten auf Basis ihrer Erfahrungen die Möglichkeiten des Einsatzes in der Pflegepraxis, der Implementierung, der Qualitätsentwicklung sowie die Aufgaben und die Zusammenarbeit mit dem Management. Das Ergebnis, abgestimmt mit den internationalen Entwicklungen und Erkenntnissen, ist das „ANP-Rahmenkonzept Österreich“, der Werkzeugkoffer für „Advanced Nursing Practice“. Das Rahmenkonzept soll Unterstützung im Einsatz von APNs bieten sowie dem Anliegen mehr Gehör verschaffen.

Unterstützt werden die Entwicklungen durch regelmäßig stattfindende Kongresse (5. – 6. November 2024 bereits der 12. ANP-Kongress Österreichs: www.fh-ooe.at/anp2024), durch die Vergabe eines ANP-Awards (2024 bereits der 3.) oder durch einen seit 9 Jahren kostenlos zu beziehenden ANP-Newsletter.

Mag. Dr. Silvia Neumann-Ponesch, MAS, Autorin ANP-Rahmenkonzept Österreich, Initiatorin des Forum ANP Austria, Lehrgangsleitung FH OÖ


Referenzen:

European Federation of Nurses Associations (EFN) (2022). EFN Policy Statement on EU Advanced Practice Nursing. https://efn.eu/wp-content/uploads/2022/04/EFN-Policy-Statement-on-APN-April-2022.pdf.

ICN (2020). Guidelines of Advanced Practice Nursing. ICN_APN Report_EN_WEB.pdf.

Leoni-Scheiber, C., & Neumann-Ponesch, S. (2024). ANP-Rahmenkonzept Österreich. Der Werkzeug-koffer für Advanced Nursing Practice. Forum ANP Austria.

Neumann-Ponesch, S., & Leoni-Scheiber, C. (2020). Advanced Nursing Practice. Facultas.

Unterstützung rationaler Impfpolitik

Impfempfehlungen nationaler Impfgremien sollten jeweils den aktuellen Stand der Evidenz berücksichtigen. Um den zeitaufwändigen Prozess der Suche nach und qualitätsvollen Aufbereitung von Impfstudien zu unterstützen, erstellte das deutsche Robert-Koch Institut (RKI) ein frei zugängliches Register mit Übersichtsarbeiten zu Impfungen. Zusätzlich steht seit Dezember 2023 in Deutschland ein Dashboard zur Verfügung, das die Impfquoten der empfohlenen Säuglings- und Kinderimpfungen darstellt.

Systematische Übersichtsarbeiten zu Impfungen sind eine zentrale Quelle für nationale Impfgremien, da sie die Ergebnisse zahlreicher Impfstudien zusammenfassen und zuverlässige Schätzungen über Nutzen und Risiken von Impfungen liefern. Sie zu erstellen ist aber zeitaufwändig. Auch das rasche Finden von Übersichtsarbeiten und deren kritische Bewertung erfordert Expertise, die in den Impfgremien oft nicht ausreichend vorhanden ist. Um nationalen Impfgremien beim Zugang zu rezenter Evidenz zu Impfungen unterstützen, wurde vom deutschen Robert-Koch-Institut in Kooperation mit der WHO ein Register mit dem Namen ‚SYSVAC‘ erstellt. Dort werden vorhandene Übersichtsarbeiten kontinuierlich gesammelt und deren methodische Qualität bewertet. Mit verschiedenen Suchfunktionen kann nach unterschiedlichen Impfungen, geographischen Regionen oder Populationen gefiltert werden. Zusätzlich angebotene E-Learning Kurse geben eine Einführung in die Nutzung des Registers und den Umgang mit systematischen Übersichtsarbeiten. Ein Leitfaden unterstützt außerdem den Prozess, wie Gremien von der Evidenz zu einer evidenzbasierten Impfempfehlung kommen. Zeitgleich wurde zum besseren Monitoring des Impfgeschehens in Deutschland das Online-Tool VacMap erstellt. Mit dem Dashboard lässt sich die Umsetzung von Impfempfehlungen evaluieren und Impflücken in einzelnen Regionen, Altersgruppen oder Indikationsgruppen können identifiziert werden. Derzeit gibt es nur einen Überblick über die Nutzung von Säuglings- und Kinderimpfungen, die in Deutschland von der Ständigen Impfkommission empfohlen wurden. Eine Ausweitung auf Impfquoten von Impfungen für Jugendliche und Erwachsene ist geplant.

Während VacMap primär für den deutschen Kontext relevante Daten liefert, ist das SYSVAC-Register bewusst als Unterstützung sämtlicher Impfgremien der WHO Europe Region vorgesehen und kann daher auch in Österreich kostenlos genutzt werden. IZ

Robert Koch Institut/DE 2023: VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. https://www.nitag-resource.org/sysvac-systematic-reviews/about.

Global NITAG Network (GNN)/ 2023: SYSVAC. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Impfstatus/kv-impfsurveillance/vacmap/vacmap.html.

Implementierung der „Krankenhausausnahmegenehmigung“ für ATMPs in sechs ausgewählten EU-Ländern

Arzneimittel für neuartige Therapien („Advanced Therapy Medicinal Products“ [ATMPs]) umfassen Gentherapeutika und somatische Zelltherapeutika sowie biotechnologisch bearbeitete Gewebeprodukte. Seit dem 30. Dezember 2008 ist eine zentrale Marktzulassung dieser Therapien in der Europäischen Union (EU) verpflichtend (Verordnung [EG] 1394/2007). In die eingeführte ATMP-Verordnung wurde jedoch eine „Krankenhausausnahmegenehmigung“ („Hospital Exemption“ [HE], Art. 28 Abs. 2) aufgenommen. Diese Klausel erlaubt die nicht routinemäßige Herstellung von ATMPs aufgrund einer individuellen ärztlichen Verschreibung, die speziell für eine bestimmte Patient*in in einem einzelnen EU-Mitgliedstaat ausgestellt wurde.

In einem Bericht des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit (BAG) wurde die Implementierung der „Krankenhausausnahmegenehmigung“ in sechs ausgewählten EU-Mitgliedstaaten (DE, FR, NL, ES, SE sowie ehemals UK) und die Umsetzung in die Praxis genauer untersucht. Im Allgemeinen zeigt sich, dass es zwei Ansätze bezüglich der Anwendung der „Krankenhausausnahmegenehmigung“ gibt: Einerseits können produktspezifische Zulassungen (DE, ES, NL und SE) erteilt werden, andererseits können auch produktunspezifische Herstellungserlaubnisse für Krankenhäuser und Unternehmen (FR und UK) eingesetzt werden. Des Weiteren kann die Genehmigung entweder nur an Krankenhäuser und gemeinnützige Organisationen erfolgen (ES) oder sowohl an Krankenhäuser als auch Unternehmen (DE, NL, SE, FR, UK). Die „Krankenhausausnahmegenehmigung“ ist in der Regel auf drei bis fünf Jahre befristet und muss in allen Ländern den europäischen Qualitätsstandards für ATMPs entsprechen. Die Anzahl der ATMPs, die der „Krankenhausausnahmegenehmigung“ unterliegen, liegt in allen untersuchten Ländern bei weniger als zehn Therapien.

Im Gegensatz zu kommerziell vertriebenen ATMPs können individualisierte Therapien, die nicht routinemäßig herstellbar sind, in einzelnen EU-Mitgliedstaaten im Rahmen der „Krankenhausausnahmegenehmigung“ rasch zur Verfügung gestellt werden. Dadurch sind diese Therapien oft preiswerter als kommerziell hergestellte ATMPs. Zum Beispiel kostete eine im Krankenhaus hergestellte CAR-T-Zell-Therapie in Spanien lediglich ein Drittel des Listenpreises einer vergleichbaren kommerziellen Therapie. NG

Bundesamt für Gesundheit (BAG)/CH 2022: Study on Hospital Exemption for ATMPs in Selected EU Countries. https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/biomed/transplantationsmedizin/studie-hospital-exemptions-atmp-eu-2022.pdf.download.pdf/studie-hospital-exemptions-atmp-eu-2022.pdf.

Telemedizin und Künstliche Intelligenz im intramuralen Bereich Österreichs

Der Einsatz von Telemedizin und Künstlicher Intelligenz (KI) nimmt auch im österreichischen Gesundheitswesen Fahrt auf. Ein Bericht der Gesundheit Österreich (GÖG) aus dem Jahr 2022 analysiert die Landschaft der in Österreich im Einsatz oder in Entwicklung befindlichen digitalen Lösungen im intramuralen Bereich. Das Fazit: Digitale Lösungen kommen in allen Bundesländern in vergleichbarer Häufigkeit zum Einsatz. Zudem existiert eine breite Palette an Applikationsarten zur Unterstützung der Versorgungsprozesse.

Die Berichtsautor*innen identifizierten insgesamt 116 Anwendungen, 71 im Bereich der Telemedizin, 43 im Bereich der KI und zwei, die beide Aspekte verbinden. Die telemedizinischen Anwendungen werden im Bericht in drei verschiedene Kategorien unterteilt, die jeweils durch ihre spezifischen Einsatzbereiche und Funktionen gekennzeichnet sind: Die erste Kategorie bilden Applikationen zum Speichern und Weiterleiten von Daten (n=17) wie bspw. Applikationen zur krankenhausübergreifenden Weiterleitung von Befunden, zur zweiten Kategorie zählen Interaktive Services (n=24) im Sinne von Applikationen zur Telekonsultationen/Teletherapie und die dritte Kategorie besteht aus Anwendungen zur Fernüberwachung (n=32) wie Telemonitoring-Anwendungen. Für den Bereich der künstlichen Intelligenz identifizierten die Autor*innen KI-Anwendungen in drei Anwendungsgebieten: Neben Anwendungen zur Risikovorhersage (n=8) im Sinne von Applikationen zur Vorhersage von Krankheitsrisiken oder Therapieerfolgen und jenen zur Verbesserung der Behandlung (n=32) wie bspw. Fernüberwachungssysteme werden im Bericht auch Diagnostik-/Analyse-Anwendungen (n=24) wie bspw. unterstützende Applikationen beschrieben, welche im Zuge der Diagnostik von Bilddaten angewendet werden. Von den insgesamt 116 Anwendungen befinden sich 54 (46,6%) im Regelbetrieb und 33 (28,4%) im Pilotstadium. 29 Anwendungen werden im Rahmen einer Studie erprobt, befinden sich in der Phase eines Antrags oder sind temporär im Einsatz. Ein Großteil der Anwendungen (36) werden als fächerübergreifend charakterisiert, gefolgt von 20 Anwendungen in der Kardiologie.

Der Bericht kommt zum Schluss, dass in Zukunft noch Fragen hinsichtlich der bundesländerübergreifenden Kooperation rund um Transfer, Skalierung und Qualitätssicherung digitaler Lösungen zu klären sind. CS

Gesundheit Österreich (GÖG)/AT 2022: Telemedizin und Künstliche Intelligenz im intramuralen Bereich Österreichs. Ergebnisbericht. https://jasmin.goeg.at/id/eprint/2443/.

Cranberries (Vaccinium macrocarpon) zur Prävention von Harnwegsinfekten

Cranberries (Kranbeeren oder Moosbeern, nicht zu verwechseln mit Preiselbeeren) enthalten Proanthocyanidine (PAC), von denen man annimmt, dass sie Bakterien davon abhalten an der Blasenzellwand anzuhaften und dadurch Harnwegsinfektionen zu verhindern. Eine Literaturübersicht der Cochrane Collaboration aus 2023 untersuchte verschiedene Produkte aus Cranberries und ihre Eignung zur Prävention von Harnwegsinfektionen gegenüber den Vergleichsinterventionen (Placebo, keine Behandlung oder andere Behandlungen). Das Fazit: Das Risiko von Harnwegsinfekten lässt sich mittels Cranberries vor allem bei Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, bei Kindern und bei Personen, die durch bestimmte Interventionen anfälliger sind, eher reduzieren. Allerdings ist weitere Forschung notwendig, um die Wirksamkeit im Vergleich zu Antibiotika und Probiotika genauer zu bestimmen.

Für das Update 2023 wurden insgesamt 26 neue Studien identifiziert, sodass die Gesamtanzahl bei 50 randomisierten und quasi-randomisierten kontrollierten Studien (n= 8.857 Patient*innen) lag. Davon wurden in 45 Studien Cranberries mit Placebo oder keiner Behandlung verglichen. Das Risiko an Harnwegsinfektionen zu erkranken wird — bei mäßiger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz — durch die Einnahme von Cranberries in Saft- oder Tablettenform reduziert.  Eine präventive Wirkung zeigte sich vor allem bei symptomatischen Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, Kindern und Menschen mit einer höheren Anfälligkeit aufgrund einer anderen Intervention. Dagegen zeigten sich wenige bis keine Vorteile bei älteren Frauen und Männern in Pflegeeinrichtungen, Schwangeren oder Menschen mit neuromuskulären Blasenfunktionsstörungen und unvollständiger Blasenentleerung. Bis dato wenig Evidenz gibt es zur Frage der Wirksamkeit von Cranberries im Vergleich zu Antibiotika oder Probiotika. Ebenso unklar bleibt, ob die Form der Einnahme (Saft, Tabletten oder Pulver) oder verschiedene Konzentrationen von PAC die Wirksamkeit von Cranberries beeinflusst.

Das fünfte Cochrane Update zeigte erstmals, dass das Risiko an Harnwegsinfektionen zu erkranken, möglicherweise mittels der Einnahme von Cranberries reduziert werden könnte. Unsicherheit besteht allerdings noch darüber, welche Dosierung von PAC dafür nötig ist. Es wird daher geraten die Menge an PAC in den Cranberry-Produkten zu standardisieren. JK

Cochrane Collaboration/ 2023: Cranberries for preventing urinary tract infections. Cochrane Database Syst Rev; 11: CD011677. https://doi.org/10.1002/14651858.CD001321.pub7.