Editorial: Start der gemeinsamen Bewertungen von Medizinprodukten auf EU-Ebene
Im Juni dieses Jahres wurde von der EU-Kommission der erste gemeinsame klinische Bewertungsbericht über die relative Wirksamkeit und Sicherheit eines Krebsmedikaments im Rahmen der EU-HTA-Verordnung veröffentlicht (siehe AIHTA-Newsletter Nr. 248). Für Medizinprodukte (Medical Devices, MD) sind im Juli die ersten zwei Bewertungsverfahren (Joint Clinical Assessment, JCA) mit der Scoping Phase gestartet.
Diese Phase, für die 60 Tage vorgesehen sind, zielt darauf ab, einen PICO-Vorschlag zu erarbeiten und diesen unter den Mitgliedstaaten mithilfe eines Surveys zu konsolidieren. Die Bewertungen werden unter der Federführung von Teams aus den HTA-Institutionen Frankreichs/ Norwegens sowie der Niederlande/ Polens durchgeführt. Daran anschließend hat der Hersteller 100 Tage Zeit, ein Dossier mit den verfügbaren klinischen Daten einzureichen. Mit Einreichung des Dossiers fällt der Startschuss für die eigentliche Bewertungsphase. 165 Tage stehen den Bewertern für die Erstellung des finalen Bewertungsberichts zur Verfügung, einschließlich der Konsolidierungen innerhalb der Subgruppe mit den MS und der Konsultation von klinischen Experten.
Laut Arbeitsprogramm der HTA-Koordinierungsgruppe (HTA CG) sind im Jahr 2026 bis zu fünf JCAs zu MD der Risikoklassen IIb und III und In-vitro Diagnostika (IVD) der Klasse D geplant.
Der Weg dorthin begann bereits Ende vergangenen Jahres mit einer Pilotierung des Prozesses. Im Januar startete die erste von drei Auswahlrunden von MDs/ IVDs für gemeinsame Bewertungen. Ausgewählt werden konnten MDs/ IVDs, für die im Zeitraum Januar 2024 bis März 2026 ein wissenschaftliches Gutachten eines Expert Panels gemäß Artikel 54 der Verordnung (EU) 2017/745 (MDR) bzw. Artikel 100 der Verordnung (EU) 2017/746 (IVDR) vorgelegt wurde. Aus insgesamt 26 zur Auswahl stehenden MDs wurden sechs vorausgewählt. Die Bewertung erfolgte anhand von 8 in der EU-HTA-Verordnung 2021/2282 festgelegten Auswahlkriterien, darunter eher versorgungs- und produktbezogene Kriterien, wie das Vorhandensein eines ungedeckten medizinischen Bedarfs, aber auch Kriterien, die trotz der veröffentlichten Leitlinien für die Auswahl von MDs und IVDs für JCA einen weitaus größeren Interpretationsspielraum durch die Mitgliedsstaaten lassen. Dabei ist vor allem das Kriterium zu nennen, ob ein JCA auf EU-Ebene einen Mehrwert bietet und seine Ziele besser erreicht als die auf Ebene der Mitgliedstaaten durchgeführten Bewertungen.
Nach Priorisierung der sechs Vorempfehlungen durch die Mitgliedsstaaten wurden im Meeting der JCA-Subgruppe am 11. Juni 2026 zwei Konkurrenzprodukte der Kategorie „Herzklappenprothesen und Vorrichtungen zur Herzklappenreparatur“ in einer sehr knappen Mehrheitsentscheidung zur Auswahl an die HTA CG empfohlen. Nachdem die HTA CG die Empfehlung angenommen hat, muss nun noch die Europäische Kommission endgültig über die Auswahl entscheiden. Sie ist dabei nicht an die Auswahl-Empfehlung der HTA CG gebunden und kann diese ohne Begründung umstoßen.
Es bleibt daher bis zur Entscheidung der Europäischen Kommission Anfang Herbst abzuwarten, ob die beiden ersten JCA-Verfahren von MDs auf EU-Ebene wie geplant umgesetzt werden. Die Arbeit an den ersten Bewertungen hat wie vorgesehen bereits begonnen. Offen ist – in Deutschland wie auch in anderen Mitgliedsstaaten – inwiefern die Ergebnisse auf EU-Ebene bei den nationalen Bewertungsverfahren Berücksichtigung finden. In Deutschland gibt es dazu derzeit keine rechtsverbindliche Regelung.
Dr. Sabine Fuchs, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Fachberatung Medizin der Geschäftsstelle des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in Deutschland
Dr. Romy Spitzmüller, Referentin in der Abteilung Methodenbewertung und Veranlasste Leistungen der Geschäftsstelle des G-BA
Telemedizinischer Pulmonalarterien-Drucksensor bei Herzinsuffizienz
Herzinsuffizienz gehört zu den häufigsten Ursachen für Krankenhausaufnahmen im Alter. Viele dieser Aufnahmen könnten möglicherweise verhindert werden, wenn Verschlechterungen früher erkannt würden. Ein implantierbarer Sensor, der den Druck in der Lungenarterie fernüberwacht, soll genau das ermöglichen. Das AIHTA hat in einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit untersucht, wie wirksam und sicher das Telemonitoring im Vergleich zur Standardtherapie ist.
Chronische Herzinsuffizienz betrifft rund 5 % der erwachsenen Bevölkerung und dieser Anteil nimmt mit dem Alter deutlich zu. Das Herz kann den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgen, was zu eingeschränkter Belastbarkeit führen kann. Ein Problem ist, dass Beschwerden oft erst auftreten, wenn der Druck in der Lungenarterie bereits seit Tagen bis Wochen erhöht ist. Telemonitoring setzt genau hier an: Ein batterie- und kabelloser Sensor wird minimalinvasiv (schonender Eingriff mit möglichst kleinen Schnitten) dauerhaft in die Lungenarterie eingesetzt. Die Patient:innen messen täglich zu Hause den Druck. Diese Messwerte werden anschließend an das Behandlungsteam übermittelt, sodass bei Auffälligkeiten frühzeitig reagiert werden kann.
Für die Bewertung der Wirksamkeit wurden drei randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1.898 Teilnehmer:innen und einem Nachbeobachtungszeitraum von 12 bis 48 Monaten eingeschlossen. Sie zeigen, dass das Telemonitoring des Lungenarteriendrucks herzinsuffizienzbedingte Krankenhausaufnahmen im Vergleich zur Standardversorgung um durchschnittlich 34 % reduziert. Für andere wichtige Aspekte ergibt sich jedoch kein klares Bild: Weder für die Sterblichkeit noch für Notfallbehandlungen konnten statistisch signifikante Unterschiede festgestellt werden. Auch die Ergebnisse zur Lebensqualität sind uneinheitlich und lassen derzeit keine verlässlichen Schlussfolgerungen zu.
Zur Bewertung der Sicherheit wurden zusätzlich vier Beobachtungsstudien eingeschlossen. Komplikationen im Zusammenhang mit dem Eingriff oder dem Gerät (z. B. Herzrhythmusstörungen, Blutungen) traten selten auf (etwa 0,7 %). Funktionsstörungen des Sensors wurden in 0,1 % der Fälle berichtet. Das Sicherheitsprofil erscheint damit insgesamt günstig.
Fazit: Die Evidenz spricht dafür, dass Telemonitoring des Lungenarteriendrucks bei Patient:innen mit schwerer Herzinsuffizienz (NYHA III) Krankenhausaufnahmen wirksam reduziert. Ob sich dieser Effekt auch unter den Bedingungen des österreichischen Gesundheitssystems zeigt, hängt wesentlich davon ab, ob die gesamte Versorgungskette in der Praxis funktioniert: Von der täglichen Messung über die Auswertung der Daten bis hin zur raschen Anpassung der Therapie. Ein Register österreichischer Daten fehlt bislang. Die Ergebnisse laufender Studien sowie eine für 2029 empfohlene Neubewertung des Telemonitorings sollen weitere Erkenntnisse bringen.
AIHTA: Schönegger, R., Kern-Kim, J. und Hidaka, Y. (2026): Implantation eines telemedizinischen Pulmonalarterien-Drucksensors bei Patient:innen mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz. Decision Support Document 119/ Update 2026. https://eprints.aihta.at/1616/
Elektrostimulation bei neurologisch bedingten Schluckstörungen
Schluckstörungen im Mund-Rachen-Bereich, die durch neurologische Erkrankungen entstehen (z. B. nach einem Schlaganfall oder bei Morbus Parkinson), können schwerwiegende Folgen haben von Mangelernährung bis hin zu lebensbedrohlichen Lungenentzündungen. Ein neuer Therapieansatz ist die pharyngeale Elektrostimulation (PES). Dabei werden über einen dünnen Schlauch (Katheter) schwache Stromimpulse an die Rachenwand gesendet. Ziel ist es, die Steuerung des Schluckvorgangs im Gehirn wieder zu aktivieren. Das AIHTA hat untersucht, wie wirksam und sicher diese Methode ist.
Nach einer systematischen Literaturrecherche und einer ergänzenden Handsuche wurden 13 randomisierte kontrollierte Studien sowie eine Fallserie eingeschlossen. Diese liefern insgesamt noch unsichere Ergebnisse, deuten aber darauf hin, dass PES als Ergänzung zur üblichen Behandlung die Schluckfunktion verbessern kann.
Ein wesentlicher Vorteil zeigte sich insbesondere bei Schlaganfallpatient:innen mit einem Luftröhrenschnitt (Tracheostoma): Hier konnte die Therapie dazu beitragen, dass der eingesetzte Schlauch schneller entfernt werden konnte. Bei anderen wichtigen Aspekten – wie die Lebensqualität oder die Dauer des Krankenhausaufenthaltes – gibt es bisher keine eindeutigen Belege für eine Verbesserung. Die Behandlung gilt als sicher. Es wurden nur seltene und vorübergehende Komplikationen berichtet, etwa ein leichtes Missempfinden im Rachen während der Stimulation.
Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Wirksamkeit von PES bei chronisch-fortschreitendenden neurologischen Erkrankungen aufgrund der aktuellen Datenlage weiterhin unklar ist. Methodische Einschränkungen in den bisherigen Studien, wie etwa kleine Stichproben und häufig fehlende Verblindung, begrenzen die Aussagekraft der Ergebnisse.
Fazit: Die Elektrostimulation des Rachens (PES) ist ein vielversprechender Ansatz, vor allem zur Unterstützung der Entfernung eines Luftröhrenschlauchs bei Schlaganfallpatient:innen. Um den tatsächlichen Nutzen besser beurteilen zu können, braucht es jedoch weitere hochwertige Studien – insbesondere zu langfristigen Effekten und unterschiedlichen Patient:innengruppen.
AIHTA: Scott, A., Gassner, L., Nicolopoulos, K. und Goetz, G. (2026): Pharyngeale Elektrostimulation (PES) zur Behandlung von Dysphagie. Decision Support Document 147. https://eprints.aihta.at/1614/
Transarterielle periartikuläre Embolisation (TAPE) bei Arthrose in Knie und Schulter
Arthrose ist eine häufige Gelenkerkrankung, bei der nicht nur der Knorpel, sondern auch der Knochen und die Gelenkschleimhaut betroffen sind. Die sogenannte transarterielle periartikuläre Embolisation (TAPE) wird minimalinvasiv, also als schonender Eingriff mit möglichst kleinen Schnitten, durchgeführt. Dabei werden über einen dünnen Katheter kleine Blutgefäße rund um das Gelenk gezielt verschlossen, um Schmerzen zu lindern. Das AIHTA hat in einer aktuellen systematischen Übersicht untersucht, wie wirksam und sicher TAPE bei Arthrose im Knie und in der Schulter ist. Verglichen wurde die Methode mit Standardbehandlungen wie Physiotherapie, Gewichtsreduktion, Schmerzmitteln sowie operativem Gelenkersatz.
Für die Bewertung wurde eine systematische Literaturrecherche nach publizierten Primärstudien sowie eine Handsuche nach laufenden Studien durchgeführt. Es konnten drei randomisiert kontrollierte Studien (RCTs) mit insgesamt 138 Patient:innen mit leichter bis moderater Kniearthrose eingeschlossen werden. Diese verglichen die Behandlung mit einer Scheinbehandlung (Sham). Für Schulterarthrose wurde keine Studie gefunden.
Folgende Endpunkte wurden zur Bewertung der klinischen Wirksamkeit herangezogen: Schmerzintensität, körperlichen Funktion, gelenkspezifische Symptome (z. B. Steifheit, Schwellung), Medikamenteneinnahme und Behandlung, Aktivitäten des täglichen Lebens, gesundheitsbezogene Lebensqualität, psychosoziale Endpunkte (z. B. Depression, Angstzustände, Schlafqualität) und technischer Erfolg des Eingriffs. Zur Bewertung der Sicherheit wurden schwerwiegende unerwünschte Ereignisse und unerwünschte Ereignisse herangezogen.
Die Ergebnisse zeigen, dass TAPE hinsichtlich Schmerzreduktion und körperliche Funktion kurzfristig wirksam sein kann. Im längeren Verlauf zeigt sich jedoch kein eindeutiger Vorteil gegenüber einer Scheinbehandlung. Ein möglicher Grund dafür könnte ein starker Placebo-Effekt bei solchen Eingriffen sein.
Die Aussagekraft der Ergebnisse ist jedoch eingeschränkt, da die Zahl der Patient:innen in den Studien sehr gering und die untersuchten Behandlungen in mehreren wichtigen Aspekten unterschiedlich waren. Zwei Studien wiesen zudem methodische Schwächen auf.
Fazit: Derzeit gibt es nicht genügend verlässliche wissenschaftliche Evidenz, um die Wirksamkeit und Sicherheit von TAPE bei Kniearthrose im Vergleich zur Standard- oder Scheinbehandlung sicher zu beurteilen. Für die Anwendung bei Schulterarthrose liegen aktuell keine Studien vor. Es besteht daher weiter ein Bedarf an hochqualitativen Studien mit größeren Stichproben und längerer Nachbeobachtung.
AIHTA: Kern, J., Krenn, C., Semlitsch, T. und Wilfling, D. (2026): Transarterielle periartikuläre Embolisation (TAPE) bei Knie- und Schulterarthrose. Decision Support Document 148. https://eprints.aihta.at/1615/
Bewertungsboard: HTA zu TIVDAK® veröffentlicht
Das AIHTA hat im März 2026 das Arzneimittel TIVDAK® (Wirkstoff: Tisotumab vedotin) im Auftrag des Gesundheitsministeriums bewertet. Der Bericht liegt nun vor.
Tisotumab vedotin wurde im März 2025 von der EU für Patientinnen mit erneut aufgetretenem oder metastasiertem Gebärmutterhalskrebs zugelassen, bei denen die Krankheit während oder nach einer den ganzen Körper betreffenden Behandlung weiter fortgeschritten ist. Es handelt sich um eine zielgerichtete Krebstherapie („Antikörper?Wirkstoff?Konjugat“), die Tumorzellen erkennt, einen Zellgiftstoff freisetzt und so deren Teilung stoppt. In Österreich sterben jährlich etwa 135 Frauen an dieser Erkrankung.
Die derzeitige Standardtherapie besteht in Österreich aus einer Chemotherapie in Kombination mit Immuntherapien. Schreitet die Erkrankung trotz dieser Behandlung fort, stehen nur noch wenige Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Tisotumab vedotin wird als etwa 30?minütige Infusion alle drei Wochen verabreicht – solange, bis die Erkrankung fortschreitet oder Nebenwirkungen zu stark werden. Die Behandlung erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Onkolog:innen, Gynäkolog:innen, Augenärzt:innen und Neurolog:innen und sollte in einem spezialisierten gynäko-onkologischen Zentrum mit Erfahrung in der Behandlung von Patientinnen mit Gebärmutterhalskrebs erfolgen.
Die Bewertung von Wirksamkeit und Sicherheit basiert primär auf einer randomisierten Phase-3-Studie mit rund 500 Teilnehmerinnen sowie ergänzenden Daten zur Sicherheit aus dem klinischen Entwicklungsprogramm. In der Studie zeigte Tisotumab vedotin im Vergleich zu Chemotherapie ein längeres Gesamtüberleben (11,5 Monate gegenüber 9 Monate) sowie eine deutlich höhere Ansprechrate (17,8?% vs. 5,2?%). Das progressionsfreie Überleben, also die Überlebenszeit ohne weiteres Fortschreiten der Erkrankung, war unter Tisotumab vedotin um 1,3 Monate länger. Eine Verbesserung der Lebensqualität konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden.
Im Vergleich zur Chemotherapie traten seltener schwere Nebenwirkungen auf. Auch Krankenhausaufenthalte und lebensbedrohliche Ereignisse waren weniger häufig, ebenso Todesfälle (12 vs. 19, meist aufgrund der Erkrankung). Allerdings kam es häufiger zu Augenschäden, etwa trockenen Augen, Bindehaut? oder Hornhautentzündungen. Diese waren meist leicht und behandelbar, erfordern aber spezielle Vorsorgemaßnahmen und regelmäßige Kontrollen. Weiters wurden bei jenen Patientinnen, die mit Tisotumab vedotin behandelt wurden, häufiger Schädigungen von Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks (periphere Neuropathien) sowie eine erhöhte Blutungsrate beobachtet.
Die Aussagekraft der verfügbaren Daten ist eingeschränkt. Langfristige Erfahrungen liegen noch nicht vor und die bisherigen Studien schlossen überwiegend Patientinnen in vergleichsweise gutem Allgemeinzustand ein.
Eine Budget-Impact-Analyse für Österreich schätzt die jährlichen Kosten auf rund EUR 1,63 Mio. bzw. EUR 4,89 Mio. über drei Jahre. Grundlage dieser Berechnungen sind etwa 45 geeignete Patientinnen pro Jahr.
Beschluss: Das Bewertungsboard hat am 24.Juni 2026 einen Beschluss zu Tisotumab vedotin (TIVDAK®) veröffentlicht. Demnach wird Tisotumab vedotin unter bestimmten Anwendungskriterien und -voraussetzungen empfohlen.
AIHTA: Appraisal Board Author Group, HTA Austria (2026): Tisotumab vedotin (TIVDAK®) zur Behandlung erwachsener Patientinnen mit rezidivierendem oder metastasiertem Zervixkarzinom. Decision Support Document for the Austrian Appraisal Board 008. https://eprints.aihta.at/1611/
Beschluss Bewertungsboard: https://www.sozialministerium.gv.at/dam/jcr:38c9f72f-f461-46fc-8415-8edf173be52b/Beschluss%20Tisotumab%20vedotin%2024.06.2026.pdf
Bewertungsboard: HTA zu TEIZEILD® veröffentlicht
Das AIHTA hat im November 2025 das Arzneimittel TEIZEILD® (Wirkstoff: Teplizumab) im Auftrag des Bewertungsboards umfassend bewertet. Der HTA-Bericht liegt nun vor.
TEIZEILD® wurde im Jänner 2026 von der Europäischen Kommission zur Behandlung von Patient:innen ab 8 Jahren zugelassen, die sich in einem frühen Stadium (Stadium2) von Typ-1-Diabetes (T1D) befinden. Ziel ist es, den Beginn des behandlungsbedürftigen Stadiums 3 der Erkrankung hinauszuzögern.
Typ-1-Diabetes ist eine chronische Autoimmunerkrankung. Dabei greift das eigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse an und der Körper produziert zu wenig oder gar kein Insulin. Insulin ist wichtig, um den Blutzuckerspiegel zu regulieren. Fehlt Insulin, kann der Körper Zucker nicht richtig verwerten. Der Blutzuckerspiegel steigt an und dauerhaft können dadurch Organe und Blutgefäße geschädigt werden. In den frühen Stadien der Erkrankung treten noch keine Beschwerden auf. Die Behandlung – zumeist eine lebenslange Insulintherapie – beginnt in der Regel erst wenn sich erste Symptome zeigen (Stadium 3). In Österreich leben etwa 3.500 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren mit Typ-1-Diabetes. Für Erwachsene gibt es keine verlässlichen Zahlen.
Teplizumab (TEIZEILD®) ist ein monoklonaler Antikörper, der gezielt auf das Immunsystem wirkt. Der Wirkstoff verlangsamt den Angriff bestimmter Abwehrzellen auf die insulinproduzierenden Zellen und kann so den Zerstörungsprozess aufhalten. TEIZEILD® wird als Infusion in die Vene verabreicht. Die Behandlung ist einmalig und wird an 14 aufeinanderfolgenden Tagen ambulant im Krankenhaus durchgeführt. Vor Beginn sind Voruntersuchungen und vorbeugende Maßnahmen notwendig. Während der Behandlung werden die Patient:innen eng überwacht, um bei Nebenwirkungen rasch reagieren zu können.
Die Wirksamkeit von Teplizumab wurde in einer randomisierten, placebokontrollierten, doppelblinden Studie mit 76 Patient:innen untersucht. In der primären Analyse (medianes Follow-up: 24,5 Monate) betrug die mediane Zeit bis zur T1D-Diagnose 48,4 Monate unter Teplizumab gegenüber 24,4 Monaten unter Placebo (HR 0,41; 95% KI: 0,22–0,78; p < 0,01). Dieses Ergebnis blieb in Folgeanalysen mit einem Follow-up von bis zu 80,5 Monaten konsistent. Die körpereigene Insulinproduktion blieb hoch (1,94 pmol/ml) während sie bei der Placebo-Gruppe abnahm (1,72 pmol/ml).
Nebenwirkungen traten bei nahezu allen Patient:innen der Teplizumab-Gruppe auf und waren häufiger als in der Vergleichsgruppe ohne Teplizumab. Häufig waren eine vorübergehende Verringerung verschiedener Blutzellen sowie Hautreaktionen. Die häufigste schwerwiegende Nebenwirkung ist die sogenannte Lymphopenie, bei der bestimmte Abwehrzellen im Blut reduziert sind. Todesfälle wurden in der Studie nicht berichtet.
Teplizumab ist die erste Therapie, die direkt in den Krankheitsverlauf von Typ-1-Diabetes im frühen Stadium eingreift. Sie könnte daher insbesondere für Kinder und Jugendliche in Zukunft eine neue Behandlungsoption darstellen. Allerdings gibt es noch Unsicherheiten: Es fehlen noch Daten zur Langzeitwirkung und die langfristige Sicherheit insbesondere im Hinblick auf Infektionen ist noch unklar. Zudem ist es derzeit schwierig, geeignete Patient:innen frühzeitig zu erkennen, da es in Österreich kein flächendeckendes Screening für frühe Stadien des Typ-1-Diabetes gibt. Auch die Durchführung der Therapie in spezialisierten Zentren stellt organisatorische Herausforderungen dar. Die Behandlung verursacht geschätzte zusätzliche Kosten von rund 170.000 Euro pro Patient:in innerhalb von fünf Jahren. Internationale Analysen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis von Kosten und Nutzen derzeit ungünstig ist.
Beschluss: Das Bewertungsboard hat am 24. Juni 2026 einen Beschluss zu TEIZEILD® veröffentlicht. Teplizumab wird darin für die Behandlung von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 8 Jahren mit Typ-1-Diabetes im Stadium 2 zur Verzögerung des Fortschreitens in das Stadium 3 nicht empfohlen. Eine neuerliche Evaluierung ist ab dem 2. Quartal 2027 vorgesehen.
AIHTA: Appraisal Board Author Group, HTA Austria (2026): Teplizumab (TEIZEILD®) für Typ-1-Diabetes im Stadium 2. Decision Support Document for the Austrian Appraisal Board 007. https://eprints.aihta.at/1612/
Beschluss Bewertungsboard:
https://www.sozialministerium.gv.at/Themen/Gesundheit/Gesundheitssystem/Bewertungsboard.html
Gesundheitslots:innen für Migrant:innen und Flüchtlingen – ein Modell auf dem Prüfstand
Migrant:innen und Flüchtlinge stehen beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen häufig vor Hürden. Diese können zu Verzögerungen bei der Behandlung, zu einem schlechteren Gesundheitszustand und zu höheren Kosten führen. Gesundheitslots:innen – geschulte Personen mit eigener Migrationserfahrung – unterstützen Betroffene bei der Orientierung im Gesundheitssystem und beim Zugang zu Versorgungsangeboten. Das AIHTA hat untersucht, welche organisatorischen Voraussetzungen für solche Programme erforderlich sind und welche Wirkungen auf die Zielgruppen berichtet werden.
Migrant:innen und Flüchtlinge sind beim Zugang zur Gesundheitsversorgung häufig mit Sprachbarrieren, unzureichenden Kenntnissen über Gesundheitsstrukturen sowie administrativen Herausforderungen konfrontiert. Als unterstützender Ansatz haben sich in mehreren Ländern sogenannte Gesundheitslots:innen etabliert. Diese fungieren als kulturell sensible Vermittler:innen zwischen den Zielgruppen und dem Gesundheitssystem und unterstützen beispielsweise bei Terminvereinbarungen, Orientierung im Versorgungssystem oder der Vermittlung von Gesundheitsinformationen.
Für den AIHTA-Bericht wurden sechs wissenschaftliche Datenbanken systematisch durchsucht. Ergänzend erfolgten Recherchen nach grauer Literatur, Websuchen zu Praxisprojekten sowie Interviews und schriftliche Befragungen von Projektverantwortlichen in Deutschland. Insgesamt wurden in der Mixed-Method-Studie fünf Reviews und drei Primärstudien zu Peer-gestützten Navigationsangeboten für Migrant:innen und Flüchtlinge eingeschlossen. Darüber hinaus wurden zwölf aktive Gesundheitslots:innen-Projekte in Deutschland identifiziert und analysiert. Gemeinsame Merkmale sind eine öffentliche Finanzierung, ein gemeindenaher Ansatz, mehrsprachige Kommunikation sowie die Nutzung von Vertrauen und kultureller Nähe als zentrale Erfolgsfaktoren.
Eine erfolgreiche Umsetzung hängt insbesondere von niederschwelligen Zugangswegen, kultureller und sprachlicher Kompetenz der Gesundheitslots:innen, umfassender Schulung, klaren Rollenbeschreibungen, Supervision und Qualitätssicherung sowie einer nachhaltigen Finanzierung ab. Auch die Einbindung in bestehende Gesundheits- und Sozialstrukturen wird als wesentlich angesehen. Herausforderungen bestehen unter anderem in kurzfristigen Finanzierungsmodellen, fehlender Standardisierung der Ausbildungsprogramme und unzureichenden Langzeitevaluationen.
Die verfügbare Evidenz ist heterogen und überwiegend europäisch. Sie deutet auf positive Auswirkungen hinsichtlich Gesundheitskompetenz, Wissen über verfügbare Angebote, Selbstbestimmung, Resilienz sowie Vertrauen in das Gesundheitssystem hin. Zudem berichten viele Projekte von einer hohen Zufriedenheit der Teilnehmenden. Aufgrund kleiner Stichproben, methodischer Einschränkungen und des häufigen Rückgriffs auf qualitative oder selbstberichtete Daten bleibt die Aussagekraft der Evidenz jedoch begrenzt.
Fazit: Gesundheitslots:innen scheinen eine vielversprechende Möglichkeit zu sein, um die Gesundheitskompetenz von Migrant:innen und Flüchtlingen zu stärken und den gleichberechtigten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu fördern. Besonders peer-gestützte und kultursensible Ansätze können dazu beitragen, strukturelle Barrieren abzubauen und schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen besser zu unterstützen. Für belastbare Aussagen zur Wirksamkeit und langfristigen Nachhaltigkeit sind jedoch methodisch hochwertige Evaluationsstudien und standardisierte Ergebnismessungen erforderlich. Langfristige Implementierungsstudien wären erforderlich, um die Übertragbarkeit auf das österreichische Gesundheitssystem beurteilen zu können.
AIHTA: Wild, C. und Schönegger, R. (2026): Gesundheitslots:innen für Migrant:innen/Flüchtlinge, Mixed-Method Review. HTA-Projektbericht 180. https://eprints.aihta.at/1613/