Soziale Medien sind im Alltag von vielen Kindern und Jugendlichen fest verankert. Gleichzeitig wächst international die Sorge über mögliche negative Auswirkungen auf psychische Gesundheit, Schlaf, Wohlbefinden und soziale Entwicklung. Das AIHTA untersuchte, welche Maßnahmen ausgewählte Länder zum Schutz Minderjähriger bereits eingeführt haben oder derzeit diskutieren, welche Evidenz zu Nutzen und Risiken vorliegt und welche ethischen Aspekte sich daraus ergeben. Betrachtet wurden altersbedingte Zugangsbeschränkungen, partielle Einschränkungen von Plattformfunktionen, Inhalten und Zeiten sowie familien- oder bildungsbasierte Maßnahmen.
Im ersten Schritt wurde eine strukturierte Handsuche zu bestehenden Regulierungen in 23 Ländern durchgeführt, die Altersbeschränkungen für soziale Medien bereits umgesetzt, beschlossen oder aktiv diskutiert haben. Im zweiten Schritt wurde die wissenschaftliche Literatur systematisch nach Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit solcher Maßnahmen durchsucht. Drittens wurden anhand des EUnetHTA Core Models die ethischen und gesellschaftlichen Aspekte eines vollständigen Verbots analysiert.
Für 17 Länder wurden 45 offizielle Dokumente zu 38 Regulierungen sozialer Medien für Minderjährige identifiziert, darunter Gesetze, Leitlinien, Strategien und Gesetzesentwürfe. Dabei handelt es sich meist um altersbedingte Zugangsbeschränkungen (16 bzw. 18 Jahre) sowie Einschränkungen von Inhalten und Funktionen. Bildungsprogramme sind hingegen seltener.
Die Evidenz zur Wirksamkeit und Sicherheit von Interventionen zur Regulierung der Nutzung sozialer Medien ist spärlich und heterogen. Identifiziert wurden sieben abgeschlossene Studien zu zwei Interventionstypen sowie neun laufende Studien. Für vollständige Verbote liegen bislang keine abgeschlossenen Evaluationen vor. Eine tägliche Nutzungsbegrenzung auf eine Stunde zeigte hingegen leichte Verbesserungen bei psychischen Symptomen, Körperbild und Schlaf. Elterliches Modellverhalten und Bildungsprogramme waren mit günstigerem Nutzungsverhalten verbunden, während schulische Smartphone-Verbote und Medienkompetenztrainings keine relevanten Effekte auf die psychische Gesundheit zeigten.
Im Zentrum der Debatte um vollständige Verbote steht die Abwägung zwischen dem Schutz von Kindern und Jugendlichen und den Vorteilen sozialer Medien wie gesellschaftlicher Teilhabe, Raum für Aktivismus und Meinungsfreiheit, Zugang zu Informationen und Möglichkeiten für Bildung und persönliche Entwicklung. Diskutiert werden zudem mögliche Ungleichbehandlungen, eine Ausweichung auf weniger sichere Plattformen, eine potenzielle Verlagerung der Verantwortung weg von den Plattformbetreibern sowie offene Rechtsfragen. Besonders die Altersverifikation wird als zentrales ethisches Problem betrachtet, da sie erhebliche Datenschutzrisiken in sich birgt.
Fazit: Die derzeitige Evidenz kann die Wirksamkeit eines bestimmten regulatorischen Ansatzes weder zuverlässig bestätigen noch ausschließen. Das Fehlen belastbarer Evidenz verschiebt die Begründungslast somit auf ethisch-normative Argumente, um insbesondere die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme sicherzustellen. Die potenzielle Wirksamkeit setzt zudem eine erfolgreiche Umsetzung, insbesondere eine zuverlässige Altersüberprüfung, voraus. Die Implementierung sollte zudem durch eine öffentliche Kommunikationskampagne für Kinder, Jugendliche und Erziehungsberechtigte sowie eine unabhängige, bereits im Vorfeld festgelegte Evaluierung begleitet werden.
Pleyer, J.A. und Schönegger, R. (2026): Bewertung von Maßnahmen zur Regulierung der Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche: Systematischer Review und Ethische Analyse. HTA-Projektbericht 185. https://eprints.aihta.at/1619/