Editorial: Messen, Steuern, Handeln – Wege aus der Gesundheitsungleichheit

Die gesundheitliche Kluft zwischen Arm und Reich ist in Österreich ebenso Realität wie in anderen europäischen Ländern. Sozio-ökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen, wie Personen mit niedrigem Einkommen, Personen mit langandauernden Belastungen, Langzeitarbeitslose sowie Menschen mit Migrationshintergrund, weisen häufiger einen schlechteren Gesundheitszustand auf und sind vermehrt Risiken ausgesetzt. Zwei aktuelle Forschungsberichte aus England zeigen, wie diese Ungleichheit nicht nur gemessen, sondern auch korrigiert werden kann. Die Frage ist, ob Österreich die vorhandenen Werkzeuge nutzt oder ob die Versorgungslücke unsichtbar bleibt.

Lange tappten Gesundheitspolitiker:innen im Dunkeln, wenn es um die Frage ging: Hilft eine neue Behandlung wirklich jenen, die sie am meisten brauchen? Die „Predicted Health Gap“-Methode schafft hier Abhilfe. Sie misst in qualitätsadjustierten Lebensjahren, wie sich eine Intervention auf die Versorgungslücke zwischen den ärmsten und den reichsten Bevölkerungsgruppen auswirkt. Damit lassen sich verschiedene Behandlungen fair vergleichen – unabhängig davon, wie teuer oder umfangreich sie sind. Die Ergebnisse zeigen: Viele Maßnahmen, die im Durchschnitt wirken, verfehlen ihr Ziel bei den besonders vulnerablen Gruppen. Manche verschärfen die Ungleichheit sogar.

Der „Inequality-Adjusted ICER“ ergänzt dieses Bild, indem er den gesellschaftlichen Wert einer Behandlung bewertet, nicht nur den durchschnittlichen Gesundheitsgewinn. Eine Therapie, die den ohnehin länger Gesunden aus oberen Einkommensgruppen ein Jahr schenkt, erhält eine andere Gewichtung als eine, die einem chronisch erkrankten Menschen aus armen Verhältnissen ein Jahr mehr ermöglicht. Das englische NICE hat diesen Ansatz bereits in seinen Bewertungsprozess integriert. In Österreich existieren zwar einige Prozesse, im Rahmen derer der Zusatznutzen neuer Gesundheitstechnologien bewertet wird (z. B. das Bewertungsboard), Ungleichheitseffekte werden dort aber nicht systematisch adressiert.

Doch selbst das beste Messinstrument nützt wenig, wenn die Steuerungsmechanismen fehlen. Hier setzt der zweite Bericht an. Die Analyse finanzieller Anreize im englischen Hausärzt:innensystem zeigt, dass eine Umverteilung der Vergütung die Versorgung benachteiligter Gruppen spürbar verbessern kann. Eine Erhöhung der Vergütungen für Behandlungen in strukturschwachen Gebieten bei gleichzeitiger Senkung in wohlhabenden Regionen verschiebt die Versorgung dorthin, wo sie am dringendsten benötigt wird. Selbst wenn die Gesamtbevölkerung dabei leicht verliert, gewinnt die Gesellschaft als Ganzes – denn die Bevölkerung hat eine nachgewiesene Abneigung gegenüber gesundheitlicher Ungleichheit.

Zunehmende Mehrklassenmedizin auch in Österreich

In Österreich verschärft die zunehmende Mehrklassenmedizin das Problem. Immer mehr Ärzt:innen wechseln in den Wahlarztbereich, insbesondere in attraktiven städtischen Lagen. In strukturschwachen Regionen und an sozial benachteiligten Standorten hingegen fehlt es zunehmend an Kassenärzt:innen. Patient:innen mit niedrigem Einkommen, die sich Wahlarzthonorare nicht leisten können, bleiben auf eine ausgedünnte Kassenversorgung angewiesen – oder verzichten ganz auf die Behandlung. Die Sozialversicherung ist gefordert, diesem Trend entgegenzuwirken, und hat bereits entsprechende Schritte gesetzt. Nach dem Prinzip der sozial indexierten Vergütung könnten höhere Honorare in strukturschwachen Gebieten Anreize schaffen, dort Kassenpraxen zu eröffnen oder zu erhalten.

Die beiden Ansätze ergänzen sich. Das Messinstrument liefert die Daten, um zu beurteilen, welche Behandlungen die Ungleichheit tatsächlich verringern. Die finanziellen Anreize bieten den Hebel, um die Versorgung gezielt zu lenken. Die Hürde liegt nicht in der Methode, sondern im politischen Willen zur Umverteilung von Ressourcen. Parallel zur Neugestaltung der Vergütung könnte der bestehende Erstattungsprozess erweitert werden, um Ungleichheitseffekte systematisch zu berücksichtigen. Die Erfahrungen aus England zeigen, dass beides möglich ist. Die Werkzeuge sind entwickelt – es hängt nun davon ab, ob die Verantwortlichen bereit sind, die Verteilungsfrage endlich als das zu behandeln, was sie ist: keine technische Detailfrage, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Prioritäten. Wer die strukturellen Ursachen der Ungleichheit ignoriert, wird sie nicht beseitigen können.

Christoph Strohmaier MSc ist Senior Researcher am AIHTA und leitet den Forschungsbereich Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung. Sein wissenschaftlicher Fokus liegt auf gesundheitsökonomischen Fragestellungen der Bewertung von Gesundheitstechnologien. 

Referenzen:

Research Summaries:

Cookson R. How big is the health inequality impact of a new treatment, and how much is it worth? CHE Research Summary 65. https://shorturl.at/icKcT

Gutacker N. Paying for health equity: can financial incentives help close the health gap? CHE Research Summary 60. https://shorturl.at/OWgNI

Full publications:

Cookson R, Kaur G, Skarda I. et al. A Method for Comparing Health Inequality Impact Magnitudes, with an Illustration for Hypothetical Treatments of 1336 Diseases. PharmacoEconomics 44, 317–328 (2026). https://doi.org/10.1007/s40273-025-01583-z

Siciliani L, Walker S, Glynn D, Gao N, Gutacker N, Doran T. Value-Based Pricing of Health Services With Health Equity Considerations. Value Health. 2026 Jun;29(6):1004-1011. doi: 10.1016/j.jval.2025.12.014.